Arnold Drewer Vom IpeG Bei Energieheld Im Interview

Energieheld fragt den Dämm-Experten

Dämmstoffe sind krebserregend, früher gab’s kein Schimmel und ein Haus muss atmen können.

daemmung-expertenmeinung-a-drewerIn diesem Experteninterview beleuchten wir wieder einmal einige interessante Aussagen und Fragen zur Dämmung. Heute geht es um die Materialien, Schimmel und die Energieeinsparung durch Dämmaßnahemn. Dafür steht uns wie schon so oft Arnold Drewer, vom unabhängigen IpeG-Institut zur Verfügung. Er ist Experte auf dem Gebiet Dämmung.
Hier können Sie seine Antworten auf gängige Vorurteile und Gedanken bezüglich der Gebäudedämmung nachlesen. Einige interessante „Augenöffner“ sind immer dabei. Viel Spaß!

Ich kaufe mir eine „Strahlungsheizung“ Elektrisch betrieben. Die spart jede Menge Energie.

A. Drewer: Und ich lasse zwei Bügeleisen kontinuierlich laufen. Mit demselben Effekt. Elektrisch betriebene „Strahlungsheizungen“ erwärmen einfach nur Widerstandsdrähte (das passiert auch im Bügeleisen, im Toaster, im Föhn) und sind ansonsten Energieverschwender und Klimakiller. Wärme wird in kWh, bzw. Joule, gemessen – egal, wie sie erzeugt wird (ob elektrisch, mit Gas, solar, mit einer Kerze oder mit dem Körper). Und ein Joule ist ein Joule. Und wenn ein Gebäude ein Joule verbraucht – durch Wärmetransport durch die Wände und durch die Lüftung – dann muss dieses Joule hergestellt werden. Ob bei einer „Strahlungsheizung“ der Widerstandsdraht in einer „Wunderanlage“ steckt – oder im Toaster, ist für die Energieerzeugung egal.
Nur eine Wärmepumpe kann mehr Energie erzeugen, als Sie elektrisch einkaufen und bezahlen. Und „erzeugt“ diese Energie strenggenommen auch nicht, sondern „pumpt“ sie aus der Umgebung in Ihr Haus. Die Umgebung wird kühler, Ihr Haus wird wärmer. Der Energieerhaltungssatz wird nicht verletzt.

Studie: „Öl und Gas reichen keine 20 Jahre mehr“. (NW vom 26.3.2013)

A. Drewer: Das ist falsch! Wenn der Rohölpreis auf über 250$ pro Barrel steigt, ist es „wirtschaftlich“, halb Kanada und andere Länder umzugraben und ökologisch zu zerstören für die Exploration von Ölschiefer und Ölsänden. Auch Tiefsee-Bohrungen unter dem arktischen Eisschild und vor Brasilien werden dann wirtschaftlich. Und dann reichen die fossilen Energien noch mehrere hundert Jahre. Aber: wollen wir das? Wollen wir diesen Preis bezahlen? Siehe die Katastrophe von „deepwater horizon“.

Ein Haus muss atmen können.

A. Drewer: In der Rubrik „Die Wände müssen atmen können!“ ist die Verwechslung von Diffusionsfähigkeit und Sorptionsfähigkeit, bezogen auf ein gewünschtes Raumklima, immer wieder gern gesehen. Im Haus werden Wasserdampf, CO2 und andere Gase produziert. Auch dünsten Bodenbeläge, Möbel usw. u.U. giftige Gase aus. Der Mensch braucht zum Leben Sauerstoff.
Der Gas-Austausch mit der Außenluft erfolgt zu 99,5 Prozent über die Lüftung – also Fenster, Lüftungsanlage usw.
Das Haus als solches kann nicht atmen!

Ich hab gehört: wenn man nur ein Bauteil dämmt, z.B. nur die Decke, gibt es Wärmebrücken und dort entsteht dann Schimmel?

A. Drewer: Wenn nur ein Bauteil gedämmt wird, wird die Oberflächentemperatur dieses Bauteils („Tapetentemperatur“) stark erhöht, die „Tapete“ wird wärmer. Diese Wärme strahlt auch in die Wärmebrücke hin aus. Auf keinen Fall sinkt dort die Oberflächentemperatur. Es fällt also nicht mehr Tauwasser an als vorher – die Wärmebrücke bleibt erhalten, der Tauwasseranfall wird geringer, damit sinkt auch die Schimmelgefahr. Ganz beseitigt ist sie allerdings damit nicht.

Früher, als die Häuser noch nicht so dicht waren, gab es keinen Schimmel, also besser nicht dämmen!“

A. Drewer: Ach, die „gute alte Zeit“. Früher waren die Wände, Fenster, Türen und Dach so undicht wie ein Sieb. In den Räumen herrschte nahezu Außentemperatur. Da war es selbst dem Schimmel zu kalt. Und: über die Undichtigkeiten wurde sämtliche Feuchtigkeit aus dem Haus transportiert, bevor sie sich überhaupt niederschlagen konnte.
Wenn wir nicht 20°C Innentemperatur das ganze Jahr über haben wollten – wäre alles viel einfacher! Leider ist es aber so: auf komfortable Wohnungen möchte keiner mehr verzichten. Und groß sollen die auch noch sein!

Ich heize mein Schlafzimmer nicht …

A. Drewer: Und lasse womöglich abends die Tür aus dem Wohnzimmer oder Flur auf? …
Das ist die beste Methode, hinter den (Einbau)-Schlafzimmer-Schränken Tauwasser = Schimmel zu produzieren! Zumindest, wenn die Wände kalt (= ungedämmt) sind. Pro schlafender Person wird pro Nacht fast 1 kg Wasser (in Form von Wasserdampf produziert). Das muss weg. Nämlich durch Lüften. Und etwas warm („temperiert“) sollte das Schlafzimmer schon sein. Und: bitte keinen zusätzlichen Feuchte-Eintrag aus dem Wohnzimmer/Flur!

Dämmstoffe sind krebserregend!

Das war mal so – früher! Und auch nur bei wenigen Produkten. Seit vielen Jahren ist das ausgeschlossen!
Styropor ist doch ein Erdölprodukt. Die Herstellungsenergie kriegt man nie wieder herein grundsätzlich gilt: Es ist effizienter, Erdöl einzusetzen, um den hohen Erdöl-Verbrauch aufrecht zu erhalten.
In der Tat, ein Grundstoff für Polystyrol ist Erdöl. Die dafür benötigte Menge wird innerhalb einer einzigen Heizperiode wieder eingespart. Und dann dämmt das Produkt noch 1 Jahr, 2 Jahre, 3 Jahre, 4 Jahre, …, 99 Jahre!

Ich nehme nur Markenprodukte, die ich kenne.

Es ist die Frage, ob das Bier, welches im Fernsehen beworben wird, wirklich besser schmeckt als das Produkt aus der örtlichen Brauerei nebenan? Auch kann man sich die Nase eigentlich mit jedem Papiertaschentuch gleich gut putzen. Bei der Dämmung kommt es darauf an:
– wie gut ist das Produkt (Wärmeleitzahl)?
– was kostet es (Preis-Leistungs-Verhältnis)?
– wie gut ist das Unternehmen, welches berät und durchführt (Referenzen!)?
Und nicht: „kenne ich den Namen des Produktes“.

Ist doch egal, welches Produkt ich nehme – Hauptsache: überhaupt dämmen.

A. Drewer: Das ist gut für die Industrie und den Handel. Und meistens nicht gut für Sie. Entweder ist das Produkt zu teuer, oder zu schlecht (dämmtechnisch gesehen), oder „überqualifiziert“ (druckbelastbare Dämmung – wo sie gar nicht gebraucht wird), oder zu dünn, oder, oder… Es gibt für ein- und dieselbe Situation Produkte, die bei gleicher (Dämm-Leistung) mehr als das 10-fache kosten. Sollte man auf diese Weise dämmen – ist’s in der Tat oft unwirtschaftlich.

Im Baustoffhandel hat man mir gesagt: das ist ein gutes Produkt. Und billig ist es auch noch.

A. Drewer: Im Baustoffhandel werden die Produkte verkauft, die massenhaft vorhanden sind, eine gute Marge haben und wenig Beratung benötigen. Das ist aber nicht zwingend das richtige Produkt für Sie bzw. Ihre spezifische Dämm-Anforderung, sondern eher für den Baumarkt!

Ist Lehm nicht ein toller Dämmstoff? Unsere Altvorderen wussten schon, warum sie mit Lehm bauten.

A. Drewer: Lehm ist ein guter Grundstoff für Ziegel, auch für den Fachwerkbau. Als Dämmstoff ist er kaum zu gebrauchen. Die Altvorderen haben über Dämmung noch gar nicht nachgedacht. Der Dämmwert von Lehm ist nicht besonders gut.

Die Spechte finden WDVS toll und wohnen gerne darin.

A. Drewer: Es gibt vereinzelte Fälle bei denen Spechte Nisthöhlen in WDVS gebaut haben. Selber habe ich noch keines gesehen. Bei Dickschicht-Systemen (WDVS mit 1,5 cm dicken Oberputz) ist so etwas ausgeschlossen.
Und:
Kann es sein, dass es sich um dasselbe Phänomen handelt wie die „giftige Spinne in der Bananenkiste“? Nämlich um ein Gerücht, welches nur durch intensives Reproduzieren in den Medien Wirklichkeit wird? Moderne Märchen?


Quellen:
Bilder: © Arnold Drewer

Stephan Thies

"Für eine erfolgreiche Energie- und Wärmewende ist eine realistische und unabhängige Informationsbereitstellung wichtig. Bei Energieheld ist dies unser tägliches Bestreben."

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Alexander Pilar

    Schade, durch die letzte Antwort mindert Herr Drewer seine Glaubwürdigkeit. Natürlich gibt es das Phänomen der Spechtlöcher. Dies mit den Bananenspinnen gleichzusetzen ist mir unbegreiflich. Wir hatten vor 2 Jahren selbst ein Spechtloch in der Fassade und letzte Woche klopfte der Specht erneut an.
    Interessant wäre zu erfahren, was man dagegen tun kann und nicht ein pauschales „das gibt es doch gar nicht“.

    1. Andreas Teich

      Das Problem besteht darin, dass Dünnputze von wenigen mm auf leichten Dämmstoffen wie EPS für den Specht wie ein Baum erscheinen hinter dessen Rinde das Abendessen in Form von Würmern wartet.

      Eine weitere Putzschicht muß aufgetragen werden- wahrscheinlich wieder mit einem Glasfasergewebe im äußeren Putzdrittel- um die Oberfläche massiver wirken zu lassen.
      Aus dem Grund sind schwere Holzfaserdämmplatten als Putzuntergrund wesentlich schadensfreier, auch weil sie die Wärme besser speichern, daher wesentlich langsamer auskühlen und dadurch Kondensat und Schimmel verhindern

      Andreas Teich Gebäude-Energieberater, Bauberatung, Begutachtung

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