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Bio für alle? So wird Öko zur Routine

Bio für alle? So wird Öko zur Routine
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Dr. Michael Kopatz ist Umweltwissenschaftler beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie und beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Energiewende, kommunalem Klimaschutz und nachhaltigem Wirtschaften. Wir sprechen mit ihm über sein Buch „Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten“ und wie er mit ökologischen Standards die Konsumenten entlasten will.

Darum gehts im Interview:

Wozu brauchen wir eine Ökoroutine?

Janika Kemmerer (Energieheld): Lieber Herr Kopatz, die Meeresspiegel steigen so schnell wie noch nie, klimabedingte Fluchtursachen nehmen zu und trotzdem verpasst Deutschland deutlich die Klimaziele. Wieso laufen wir mit offenen Augen in eine Klimakatastrophe, obwohl wir es theoretisch besser wissen?

Dr. Michael Kopatz forscht und lehrt am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie. © Roman Pawlowsk für ZEIT WISSEN

Michael Kopatz (Ökoroutine): Die Klimahitze ist eine schleichende Katastrophe. Was wir jetzt beobachten können ist extrem dramatisch, aber es passiert kontinuierlich und wir haben uns daran gewöhnt. Das Phänomen erscheint abstrakt unweit entfernt. Und wenn Sie den Begriff globale Erwärmung nehmen, »Erwärmung«, das hört sich doch irgendwie gemütlich an. Und auch das Schicksal der Menschen, deren Heimat schon in wenigen Jahrzehnten unter Wasser stehen wird, ist so weit entfernt, niemand ändert deswegen seine Alltagsroutinen.

Janika Kemmerer (Energieheld): Sie sprechen in Ihrem Buch „Ökoroutine“ darüber, dass die Verantwortung für ökologischen und ethischen Konsum nicht auf die Verbraucher abgewälzt werden darf, sondern Aufgabe der Politik ist. Grenzt das nicht an Bevormundung?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Wenn bestimmte Standards als verbindlich definiert würden, wäre das eine Entlastung für den Konsumenten. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die sagen, ja natürlich möchte ich, dass Tiere artgerecht gehalten werden, aber mehr Geld fürs Fleisch ausgeben? Achtzig Prozent der Bundesbürger wollen bessere Bedingungen im Stall. Nur zwei Prozent sind bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Der Bürger ist mündig, aber er scheitert regelmäßig an seinen eigenen Ansprüchen.

Janika Kemmerer (Energieheld): Wie sind Sie zu dem Thema Ökoroutine gekommen?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Durch meine persönliche Lebenserfahrung, Familie, Freunde, Kollegen. Alle wollen das Richtige tun, sind super informiert über die Problemlagen. Alle fahren mit schlechtem Gewissen Auto, fliegen mit schlechtem Gewissen usw. aber im Grunde bleibt trotzdem alles, wie es ist. Dann war ich bei der Studie ›Zukunftsfähiges Deutschland 2‹ stark involviert und irgendwann kam mir in den Sinn, dass diese ganzen Appelle zu wenig bewirken … so ging das los. Was mein Buch „Ökoroutine“ angeht: Heute finde ich, dass der Titel ein bisschen missverständlich wirkt, als ginge es darum, dass jeder seine Routine ändern soll. Und genau darum geht es eben nicht. Heute würde ich als Untertitel wählen: „Strukturen ändern, nicht die Menschen“. Das ist es, woran ich glaube.

Reicht bewusster Konsum nicht mehr aus?

Janika Kemmerer (Energieheld): Sie wollen also mit der Ökoroutine keine Verbote durchsetzen?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Nein, ich verwende die Begriffe Standards und Limits. Die sind natürlich letztlich verbindlich. Aber ich verwende den Begriff Verbot ganz bewusst nicht, weil er eine negative Konnotation hat, die hier gar nicht angemessen ist. Nehmen wir das Beispiel Lebensmittelüberwachung. Da sind alle sehr dankbar, dass wir in Deutschland relativ hohe Standards haben, was zum Beispiel die Belastung mit Schadstoffen anbelangt, es also verboten ist, Produkte zu verkaufen, die bestimmte Grenzwerte überschreiten. Kein Unternehmer setzt sich selber solche Grenzwerte. Da gibt es einfach den systemischen Faktor des Wettbewerbsdrucks unter Unternehmen. Wenn sich aber Standards verbessern, dann begrüßen die meisten Menschen das. Dafür gibt es sogar bereits realisierte Beispiele: Ein Legehuhn in der EU hat heute doppelt so viel Auslauffläche wie noch im Jahr 2003 und die meisten Menschen haben das gar nicht mitbekommen. Das Produkt im Laden hat sich verändert, ohne dass der Kunde sein Verhalten oder seine Einstellung verändern musste.

In seinem Buch „Ökoroutine“ erklärt Michael Kopatz, wie bessere ökologische Standards die Situation für das Klima und den Menschen ändern können.    © oekom-Verlag

Janika Kemmerer (Energieheld): Also kann man mit bewussterem Konsum keine wirkliche Verbesserung erreichen?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Die „Ökoroutine“ geht weg von der Idee des achtsamen Konsumenten, der die Welt mit seinem Konsumverhalten verändert. Die Moral am Küchentisch ist das eine, aber wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir an die Standards der Produktion ran. Wir müssen die Strukturen ändern, nicht den Menschen.

Janika Kemmerer (Energieheld): Verschwenden die Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen und verantwortungsvoll konsumieren, also ihre Zeit?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Nein, Veränderung braucht gesellschaftliches Engagement. Aber das allein reicht nicht. Nehmen Sie die Sicherheitsgurte im Auto: Jahrelang gab es Kampagnen, mit TV-Spots und Plakaten – und doch schnallte sich kaum jemand an. Dann wurde es Pflicht, und die Anzahl der Verkehrstoten sank. In Sachen Biolebensmittel und Landwirtschaft haben wir es jetzt 30 Jahre lang mit Information versucht. Dennoch ist der Anteil des ökologischen Anbaus weiter nur sehr gering. Wenn das so weitergeht, dauert es wahrscheinlich noch einmal 80 Jahre, um Bio in die Flächen zu bekommen. Wenn aber die Standards in der gesamten Erzeugungs- und Handelskette verändert werden, ist kein Widerstand der Verbraucher zu erwarten und auch unter den Landwirten herrscht Chancengleichheit.

Ökologische Standards verpflichten Unternehmen und entlasten Konsumenten

Janika Kemmerer (Energieheld): Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse, stagnierende Reallöhne und teilweise mangelnde Bildung können verhindern, dass Verbraucher ökologisch oder moralisch korrekt konsumieren. Ist die Ursache des Problems – ähnlich wie ihr Lösungsvorschlag – nicht auch strukturell bedingt?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Gewiss, die Ursachen sind struktureller Natur, aber auch psychologischer. Aber Armut und Bildungsniveau sind nicht das eigentliche Problem, sonst würden ja alle, die gut verdienen und gut gebildet sind, nur noch nachhaltige Produkte kaufen. Doch selbst Wohlhabende geizen beim Biofleisch.

Aber noch mal zu den einkommensarmen Menschen: Gerade haben wir eine Zweiklassengesellschaft am Mittagstisch. Bio können sich Millionen Menschen gar nicht lassen. Wenn wir die Standards anheben, realisieren wir über die nächsten 20 Jahre Bio für alle. Das ist extrem gerecht. Auch weil Bio durch große Produktionsmengen wesentlich günstiger sein wird als heute.

Janika Kemmerer (Energieheld): Wieso beschließen Landwirtschaftsminister im Bund oder auf europäischer Ebene denn keine höheren Standards?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Weil sie vielleicht denken, dass sie damit die Agrarindustrie gegen sich hätten. Monsanto und BASF sind von meinen Vorschlägen nicht begeistert. Aber auch hier helfen Erfahrungswerte: Große Energiekonzerne wie RWE und Vattenfall haben sich zunächst geweigert, Atomkraftwerke zu schließen und in erneuerbare Energien einzusteigen. Wenn wir darauf gewartet hätten, dass die Verbraucher auf Ökostrom wechseln, hätten wir lange warten können. Menschen entscheiden meist nicht mit Rücksicht auf langfristige Folgen, sondern mit Blick auf ihr Portemonnaie. Und bei den Konzernen geht’s im Prinzip nur um die Aktionäre. Wenn die Politik hier keine anderen Impulse setzt, ist das mutlos und kurzsichtig.

Erneuerbare Energien wurden nach der Atomkatastrophe in Fukushima stark gefördert.                              © meineresterampe / fotolia.de

Janika Kemmerer (Energieheld): Sobald höhere Produktionsstandards und verbindliche Regelungen eingeführt werden sollen, wird schnell vor dem Verlust von Arbeitsplätzen gewarnt. Wie reagieren Sie auf diese Einwände?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Da ist Politik oft nicht seriös. Durch die letzten Reformen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sind etwa 50 000 Jobs verloren gegangen. Darüber hat sich keiner aufgeregt. Aber gleichzeitig werden die Braunkohle und der Tagebau bis heute erbittert verteidigt. In diesem Bereich sind bundesweit 20 000 Menschen beschäftigt. Statt so zu argumentieren, sollte Politik ein Innovationsmotor sein und eine gestalterische Rolle übernehmen. Denn mit einem guten und langfristigen Plan kann man auch Umbrüche gestalten. In Sachen ökologische Landwirtschaft greift das Arbeitsplatzargument aber ohnehin nicht. Durch höhere Standards wird es sicher nicht zu einem Verlust von Arbeitsplätzen kommen – ganz im Gegenteil. Bei der Erzeugung von Bioprodukten ist ein höherer Arbeitseinsatz nötig.

Was kann heute schon getan werden?

Janika Kemmerer (Energieheld): Wenn Sie heute schon einen neuen Beschluss durchsetzen könnten, was würden Sie machen?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Wir brauchen Limits auf der Straße, im Flugverkehr, bei Emissionen. Wir werden nicht verhindern, dass ein Unternehmen wie Amazon in den Lebensmittelmarkt drängt und uns alles von weit her nach Hause liefert. Wir müssen aber nicht immer neue Straßen bauen, die diesen Transportwahnsinn unterstützen.

Janika Kemmerer (Energieheld): Neue Standards und die Entlastung der Konsumenten durch die Politik sind leider noch nicht Realität. Haben Sie in Ihrem Alltag trotzdem kleine Maßnahmen durchgesetzt – zum Beispiel weniger fliegen, zu Ökostrom wechseln, etc. – oder setzen Sie ganz auf strukturelle Veränderungen?

Michael Kopatz (Ökoroutine): Sind sie doch! Es gibt viele bereits beschlossene Standards. Denken Sie nur an das erwähnte Legehuhn oder die Energieeinsparverordnung. Auch die Sparlampe hat erst die EU durchgesetzt. Ich selbst Versuche vieles von dem zu tun, was ich für richtig halte. Wir haben kein eigenes Auto, ich fliege selten, das Haus ist extrem sparsam etc. Mein persönlicher CO2-Ausstoß liegt bei rund fünf Tonnen im Jahr. Geben Sie Ihre Daten einmal bei beim CO2-Onlinerechner ein. Dann werden Sie sehen, das ist gar nicht so einfach. Der Durchschnitt liegt bei ungefähr zehn Tonnen je Bundesbürger. Aber ich glaube eben nicht, dass eines Tages alle Menschen diesem Vorbild folgen werden.

Janika Kemmerer (Energieheld): Lieber Herr Kopatz, das war ein sehr aufschlussreiches und anregendes Gespräch. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben!

Fazit

Liebe Leserinnen und Leser,

der Klimawandel passiert langsam aber stetig, jeden Tag um uns herum. Schon heute sind die Folgen der Erderwärmung in unserem Alltag sichtbar, wenn Hitzerekorde gebrochen werden oder Menschen ihre Heimat verlassen, weil sie sich dort nicht länger versorgen können. 

Die Beispiele von Dr. Kopatz zeigen sehr gut was passieren kann, wenn Standards möglichst flächendeckend durchgesetzt werden. Konsumenten alleine können durch ihr Verhalten solche Effekte nicht erzielen. Dennoch ist es wichtig, die Verantwortung für die eigene Lebensweise nicht abzuwälzen. Im Alltag umweltbewusst und nachhaltig zu Handeln schont nicht nur Ressourcen, sondern prägt auch den gesellschaftlichen Diskurs. 

Was wir dabei nicht vergessen dürfen: Höhere Standards werden von gewählten Politiker durchgesetzt. Jeder Bürger kann mit seiner Stimme die Parteien zu unterstützen, die für eine ökologischere Gesetzgebung stehen. Auch bei den Unternehmen können Konsumenten mit ihrem Geldbeutel „abstimmen“, indem sie beim Einkauf Produkte auswählen, die nachhaltig und ethisch verantwortungsvoll hergestellt werden.

Die Aufgabe, gegen den Klimawandel zu kämpfen, ist so groß, dass sie gerne verdrängt wird – von Politikern, Unternehmen und Bürgern gleichermaßen. Dabei ist es jetzt immer noch möglich, die schlimmsten Auswirkungen der Erderwärmung zu verhindern, wenn verbindliche Maßnahmen und Standards durchgesetzt werden.

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