Karen Bartelt Im Interview

Das digitale Handwerk: Karen Bartelt im Interview

Das digitale Handwerk: Karen Bartelt im Interview
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Wir haben mit Karen Bartelt vom Kompetenzzentrum Digitales Handwerk (KDH) darüber gesprochen, wie digitale Maßnahmen den Handwerkern in der Praxis eigentlich helfen können. Das KDH bietet Handwerksbetrieben Informationen und Weiterbildungsmöglichkeiten rund um die Digitalisierung. Als Teil der Förderinitiative „Mittelstand 4.0 – Digitale Produktions- und Arbeitsprozesse“, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert wird, werden Betriebe im digitalen Wandel gezielt unterstützt.

Darum gehts im Interview:

Wie passen Digitalisierung und Handwerk zusammen?

Janika Kemmerer (energieheld): Frau Bartelt, was genau bedeutet die Digitalisierung des Handwerks?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Das Handwerk ist gekennzeichnet durch eine große Bandbreite an sehr heterogenen Betrieben. Diese reicht von jenen Betrieben, die ihre Dienstleistungs- und Produktionsprozesse noch klassisch und analog ausüben, über Unternehmern, die versuchen mit dem stetigen technologischen Wandel Schritt zu halten, bis zu den Vorreitern, die beispielsweise bereits innovative Konzepte in der Kommunikation mit ihren Kunden anwenden und ihre Produktionsprozesse weitestgehend digital unterstützen. Der Wandel in den Betrieben hängt ebenfalls mit den Tätigkeiten in den jeweiligen Gewerken zusammen und in wie weit diese sich grundsätzlich automatisieren lassen oder durch neue Technologien unterstützt werden können. Es lässt sich beobachten, dass Gewerken, die bereits seit Langem starke Berührungspunkte mit digitalen Technologien haben, wie bspw. Betriebe des Ausbaugewerbes durch den Einsatz von CNC und CAD, dem digitalen Wandel generell offen gegenüberstehen.

Janika Kemmerer (energieheld): Handwerker sind Praktiker und müssen ihre Aufträge und Kunden verwalten. Wieso ist die Digitalisierung dafür überhaupt interessant?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Digitale Technologien können das Alltagsgeschäfts vereinfachen. Die Auftrags- und Kundenverwaltung kann durch den Einsatz der passenden Software nicht nur effizienter gestaltet werden, sondern auch mit anderen Unternehmensbereichen vernetzt werden, um einen durchgehenden Prozess von der Kundenanfrage, über Angebotserstellung, Leistungserbringung, Rechnungsstellung und ggf-nachgelagerten Dienstleistungen zu schaffen. Betriebe, die sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung auseinandersetzen und bereit sind in diese zu investieren, können Effizienzsteigerungen und zusätzliche Wettbewerbsvorteile realisieren. Die traditionelle Wertschöpfung kann beispielweise durch zusätzliche Dienstleistungen ergänzt werden, um einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen und das Unternehmen so noch attraktiver zu machen. Die klassische Leistungserstellung kann durch den Einsatz digitaler Technologien vereinfacht und die Geschäftsprozesse optimiert und verschlankt werden.


Was bietet der digitale Wandel Handwerksbetrieben?

Janika Kemmerer (energieheld): Mal abgesehen von komplizierten Begriffen und technischen Herausforderungen: Welche Chancen und Vorteile bietet die Digitalisierung den Handwerksbetrieben?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Für Betriebe können sich Zeit-, Ressourcen- und Kostenersparnisse ergeben. Darüber hinaus kann der Einsatz digitaler Technologien in verschiedenen Gewerken neue Möglichkeiten im Bereich der Produktion und Dienstleistungserbringung schaffen. Ein Beispiel hierfür ist der Einsatz von 3-Druck zur Erstellung von Prototypen, um ein Produkt noch vor der eigentlichen Produktion für den Kunden zu visualisieren.

Digitale Technologien können auch klassische handwerkliche Tätigkeiten vereinfachen. So können beispielsweise Drohnen die teils gefährliche Dachinspektion für Dachdecker übernehmen. Neben der Reduktion des Unfallrisikos, der Zeit- und Kostenersparnis, profitiert auch der Kunde, indem er durch Echtzeitaufnahmen einen Überblick über Schäden am Dach bekommt und diese direkt mit dem Dachdecker besprechen kann. Neben diesen konkreten Vorteilen eröffnen sich auch Chancen hinsichtlich der langfristigen Ausrichtung des Unternehmens. Durch die Entwicklung neuer Dienstleistungs- und Serviceangebote können zusätzliche Geschäftsfelder und neue Märkte erschlossen werden.

Janika Kemmerer (energieheld): Wie kann sich ein Handwerksbetrieb einfach und unkompliziert digitalisieren, ohne gleich das ganze Büro auf den Kopf zu stellen?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Es gibt vielzählige Anwendungsmöglichkeiten, die den Betrieben häufig nicht klar sind. Um herauszufinden in welchen Bereichen eines Unternehmens sinnvoll digitalisiert werden kann, sollten zunächst die bestehenden Prozesse analysiert und Optimierungsmöglichkeiten identifiziert werden, die sich dann ggf. durch die Digitalisierung einzelner Prozesse- oder Prozessschritte realisieren lassen. Hier können bereits einfache Anwendungen wie Apps zur mobilen Arbeitszeiterfassung enorme Vorteile bringen.

Janika Kemmerer (energieheld): Laut einer gemeinsamen Studie von Bitkom und dem Zentralverband Deutsches Handwerk sehen 56 Prozent der Handwerksbetriebe die Digitalisierung als Herausforderung. Ein Viertel der Betriebe gibt an, dass sie Probleme bei der Bewältigung haben oder die Digitalisierung als Existenzbedrohung wahrnehmen (Bitkom Research: 504 Teilnehmer, 02. März 2017). Wie reagieren Sie auf die Sorgen der Handwerker?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Jeder Handwerksbetrieb kann auf die Angebote des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk zurückgreifen und Kontakt zu einem der fünf regionalen „Schaufenster“ aufnehmen. Diese sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt und haben verschiedene Schwerpunkte:

  • Schaufenster Nord, BFE Oldenburg – zuständig für Informations- und Kommunikationstechnik, z.B.: Softwareeinsatz, Prozess-Sicherheit, eBeschaffung, eVergabe, eRechnung, Datensicherheit und -speicherung, Vernetzung.
  • Schaufenster Süd, HwK für Oberfranken – zuständig für Produktions- und Automatisierungstechnologien, z.B.: Cyber Physische Systeme, Rapid Product Development, 3-D-Druck, digitale Messtechniken, digital steuerbare Maschinen oder die Vernetzung von Maschinen und Anlagen mit der Gebäudetechnik, Robotik.
  • Schaufenster Ost, HwK Dresden – zuständig für IT-gestützte Geschäftsmodelle, z.B.: ganzheitliche digitale Geschäftsmodelle, Erweiterung des Dienstleistungsspek­trums, etwa die Einrichtung eines Online-Shops, Zukunftsmärkte wie Smart Home, Smart Grid, AAL.
  • Schaufenster West, HwK Koblenz – zuständig für Digitale Prozesse, z.B.: Sichere mobile Geschäftsprozesse, Kundenorientierung, Effektivität und Effizienz, Prozess-Aufnahme, Dokumentation und -visualisierung.
  • Schaufenster Digitales Bauen, Bildungszentren des Baugewerbes in Krefeld und Bayerische BauAkademie in Feuchtwangen – zuständig für die digitale Transformation im Bauhandwerk,  z.B.: Wie können Kosten und Zeit beim Planen und Bauen durch neue digitale Techniken eingespart werden?

Darüber hinaus verfügt auch die Handwerksorganisation über ein exzellentes Beratungswesen. An allen Handwerkskammern und den Landesverbänden arbeiten Beraterinnen und Berater, die entweder selbst die digitalen Themen beherrschen oder mit entsprechenden Experten kooperieren und den Kontakt vermitteln können.

Welche Kosten kommen auf Handwerker zu?

Janika Kemmerer (energieheld): Drohnen, 3D-Drucker und Roboter werden gerne als Beispiele für die wirtschaftliche Digitalisierung genutzt. Müssen Handwerksbetriebe solche Investitionen auf sich nehmen um mitzuhalten oder reichen der Computer im Büro und ein Smartphone aus?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Die Auswahl der passenden Maßnahmen muss abhängig von den individuellen Anforderungen des Betriebs erfolgen und hängt von der Branche, der Betriebs- und Kundenstruktur, der jeweiligen Spezialisierung etc. ab. Ein Betrieb muss sich nicht vollständig digitalisieren und auf die neusten Technologien setzen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck und sollte der Erreichung der unternehmerischen Zielsetzung, sowie der Erfüllung der Kundenwünsche (auch zukünftig) dienen. Dies kann für einige Betriebe durch den Einsatz von Drohnen und 3D-Druckern geschehen, für Andere können auch einfach erste Schritte wie die Nutzung bestimmter Apps, Verstärkung der Online-Kommunikation mit dem Kunden etc. das Mittel der Wahl sein. Wichtig ist die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie, die die nach wie vor analoge Handwerksleistung unterstützt.

Janika Kemmerer (energieheld): Mit welchen Kosten muss ein Handwerker rechnen, wenn er sich für die Digitalisierung seines Betriebs entscheidet?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Das kommt im Einzelnen natürlich ganz darauf an, was der Betrieb umsetzen möchte und welche Anforderungen an die anzuschaffende Hard- und Software gestellt werden. Betriebe haben allerdings verschiedene Möglichkeiten sich bei der Umsetzung der Digitalisierung auch finanziell unterstützen zu lassen. Hier kann beispielsweise auf die Erfahrungen im Förderprogramm Digitalbonus.Bayern verwiesen werden. Das Programm unterstützt kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Produkte, Dienstleistungen und Prozesse digitalisieren oder ihre IT-Sicherheit verbessern wollen. Eine Variante des Digitalbonus ist der Digitalbonus Standard: Zuschuss von maximal 10.000 Euro und eine Förderquote bis zu maximal 50 %. Pro Monat werden 500 Anträge gestellt, etwa jeder 4. Antrag kommt aus dem Handwerk. Auch viele andere Bundesländer haben unbürokratische Investitionsprogramme für Kleinstbetriebe aufgelegt, die KMU bei der Umsetzung des digitalen Wandels unterstützen sollen.

Janika Kemmerer (energieheld): Mitarbeiter umschulen, Geräte kaufen und alle Daten übertragen – lohnt sich die digitale Umstrukturierung finanziell für einen kleinen Handwerksbetrieb?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Die Auftragsbücher vieler Betriebe sind voll, wodurch der Leidensdruck meist sehr gering ist und der Mehrwert, der durch die Digitalisierung entstehen kann, vielen Betrieben nicht sofort klar wird. Betriebe die aber auch zukünftig erfolgreich bestehen wollen, müssen sich langfristig mit dem Thema auseinandersetzen, da sie ansonsten auf kurz oder lang von anderen Wettbewerbern verdrängt werden oder nur noch sehr spezielle, handwerkliche Arbeiten oder Montageleistungen anbieten können. Digitalisierung ist also eine Investition in die Zukunft.

Geht Digitalisierung auch im kleinen Handwerksbetrieb?

Janika Kemmerer (energieheld): 81 Prozent der Handwerksbetriebe sind generell aufgeschlossen für die Digitalisierung, jedoch sehen sich 71 Prozent eher als Nachzügler (Bitkom Research: 504 Teilnehmer, 02. März 2017). Wie können interessierte Handwerker mehr über das Digitalisierungspotential ihres Betriebs erfahren?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Wir als Kompetenzzentrum Digitales Handwerk, bieten Betrieben Informationen, Praxisbeispielen und gezielte Unterstützung in betrieblichen Einzeldialogen. Um einen ersten Überblick zum Stand der Digitalisierung im eigenen Betrieb und möglichen Weiterentwicklungspotenzialen zu bekommen, haben wir den sogenannten Digi-Check entwickelt. Dieser findet sich auf unser Projektwebsite handwerkdigital.de. Wir raten Betrieben, sich an eines unserer regionalen Schaufenster oder einen Berater ihrer örtlichen Kammer zu wenden und den Digitalisierungscheck in einem ca. 1,5 stündigen Dialog durchzuführen. Hierauf aufbauend können schon erste Schritt zu einer Digitalisierungsstrategie abgeleitet werden.

Janika Kemmerer (energieheld): Mit der Digitalisierung der Geschäftsprozesse gehen auch die Themen Sicherheit und Datenschutz einher. Wie stellen kleine und mittelständische Handwerksbetriebe sicher, dass ihre Unterlagen und Kundendaten geschützt bleiben?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Wie die IT-Sicherheit im Unternehmen sichergestellt werden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab und je nach Branche, Größe und Ausrichtung des Unternehmens müssen gegebenenfalls weiterführende Schutzmaßnahmen etabliert werden. Für alle Unternehmen gilt jedoch, dass die Aspekte des Basisschutzes Berücksichtigung finden müssen, um ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Dieser Basisschutz wird hergestellt, in dem unter Anderem alle Geräte, die mit dem Internet verbunden sind, über einen Basisschutz (Firewall, Virenscanner) verfügen, regelmäßige Software-Updates durchgeführt werden, so dass alle Produkte stetes auf dem neuesten Stand sind, alle Daten regelmäßig gesichert werden, die IT-Geräte durch einen Zugriffschutz gesichert sind, starke Passwörter benutzt werden und eine generelle Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Thema IT-Sicherheit sichergestellt ist.

Janika Kemmerer (energieheld): Teuer, umständlich und unnötig – das sind die häufigsten Gegenargumente für die Digitalisierung des Handwerks. Wie würden Sie einen skeptischen Handwerker überzeugen?

Karen Bartelt (Kompetenzzentrum Digitales Handwerk): Die Notwendigkeit zur Digitalisierung ist stark getrieben durch die Wünsche der Kunden. Wandeln sich die Erwartungen der Kunden und das eigene Angebotsspektrum bleibt unverändert, wird man früher oder später vom Markt verdrängt. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Und Sie? 

Janika Kemmerer (energieheld): Liebe Frau Bartelt, herzlichen Dank für das spannende Gespräch.

Fazit: Informieren, prüfen und dann machen

Die Digitalisierung bringt eine riesige Menge an neuem Werkzeug und Maßnahmen für das Handwerk mit. Wie für jede Investition gilt auch hier: Gründlich informieren und rausfinden, wo und wie eine Verbesserung im Betrieb möglich ist. Wenn alles passt und die Kosten für das eigene Unternehmen tragbar sind, muss man den Mut finden und loslaufen. Eine gesunde Skepsis ist wichtig und schützt vor Fehlentscheidungen, kann aber auch den Wachstum und die Entwicklung bremsen. Die Digitalisierung wird Geschäftsprozesse nachhaltig verändern und kann – wenn richtig umgesetzt – Betriebe entlasten und die Effizienz erhöhen. Das kommt letztlich dem Kunden und so dem Unternehmen zugute. 

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