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Ein Handwerker im Bundestag – Interview mit Hagen Reinhold

Ein Handwerker im Bundestag – Interview mit Hagen Reinhold
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Politiker und gleichzeitig Handwerker: Das trifft auf 36 der 709 Abgeordneten im Bundestag zu – sieben davon sogar mit Meisterbrief. Handwerksmeister Hagen Reinhold aus Mecklenburg-Vorpommern ist Maurer und Betonbauer und sitzt für die FDP im Bundestag. 

Da die Freien Demokraten sich klar für mehr Digitalisierung einsetzen, ist er der ideale Ansprechpartner für digitale Veränderungen im Handwerk. Im Interview verrät uns Reinhold, was auf Handwerker in Zeiten der Digitalisierung zukommt.

Darüber sprechen wir im Interview:

Wandel in der Handwerksbranche

Lena Schwäcke (energieheld): Herr Reinhold, Sie selbst haben eine Ausbildung zum Maurer- und Betonbaumeister absolviert und sind jetzt selbstständig. Was hat sich im Handwerk seit Ihrem Berufseinstieg verändert?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Ich habe meinen Beruf in einer Phase erlernt, da gab es weder Handys noch Smartphones oder Tablets. Konstruktions- und Baupläne wurden von Ingenieuren mit der Hand gezeichnet, der Tag wurde morgens geplant und dann von uns Handwerkern umgesetzt. Heute hat jeder Handwerker ein Smartphone dabei, muss auf Zuruf auf viele Einzelheiten am Tag reagieren, durch digitale Pläne gibt es ein Vielfaches an Änderungen auch während eines Bauvorhabens. Das macht den Arbeitsalltag heute anspruchsvoller und im Einsatz tragen Handwerker eine höhere Verantwortung, adhoc auf Neuerungen zu reagieren. Damit ist aber auch der Bedarf an Ingenieuren und an einer stetigen Qualifizierung der Handwerker gestiegen.

Lena Schwäcke (energieheld): Worauf sollten Handwerksbetriebe heutzutage setzen?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Ein familienfreundlicher Umgang mit den eigenen Mitarbeitern ist heute eines der zentralen Themen. Wer da kein passendes Arbeitsumfeld bietet, steht schnell ohne Fachkräfte da. Aber auch eine gute Bezahlung und stetige Weiterbildungen sind heute eine Selbstverständlichkeit. Mit Blick auf die nächsten Jahre werden Aus- und Weiterbildung, auch in Dualen Bildungswegen, und die rechtzeitige Organisation von Unternehmensnachfolgen eine immer größere Bedeutung erlangen.Digitalisierung und Industrie 4.0 erklärt

Lena Schwäcke (energieheld): Der Wahlkampfspruch der FDP lautet: „Digital first. Bedenken Second. Damit unser Land nicht den Anschluss verliert.“ Wie würden Sie den momentanen Ist-Zustand im Handwerk beschreiben? Sind die deutschen Handwerksbetriebe Nachzügler beim Thema Digitalisierung?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Das Handwerk in Deutschland ist unglaublich vielschichtig. Pauschal kann man sicher nicht von einer Nachzüglerrolle sprechen. Es gibt Unternehmen, die mit Innovationen die Möglichkeiten der Digitalisierung voll ausschöpfen, von der Smartphone basierten Arbeitszeiterfassung, über computergesteuerte Werkzeuge bis zum eigenen Onlineshop. Genauso gibt es aber Unternehmen, denen einfach die digitale Infrastruktur an ihrem Standort fehlt, um die vielen Vorzüge der Digitalisierung in ihrem Berufsfeld nutzen zu können.

Lohnt sich die Digitalisierung für Handwerker?

Lena Schwäcke (energieheld): Welche Chancen und Vorteile bietet der digitale Wandel für das Handwerk?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Mit der Digitalisierung eröffnen sich für viele Unternehmen völlig neue Möglichkeiten. Mit technischer Hilfe können Arbeitsprozesse effizienter werden und mit eigenen Onlineshops vollkommen neue Märkte erschlossen werden. Es wird aber auch weiter Unternehmen geben, die auf Grund ihres Gewerkes weiter regional gebunden sind. Manche werden mit handwerklichen Leistungen auch ohne digitalen Fortschritt am Markt weiter bestens bestehen können.

Lena Schwäcke (energieheld): Lohnt sich die Digitalisierung von Arbeitsprozessen auch für kleinere Betriebe oder profitieren nur große Unternehmen?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Digitalisierung ist ein wichtiger Teil des Fortschritts. Wer Fortschritt verschläft, der verschläft die Zukunft. Insofern werden auch kleine Betriebe von Digitalisierung profitieren.

Lena Schwäcke (energieheld): Nur 25 Prozent der Handwerksbetriebe setzen bislang digitale Technologien ein. Für 56 Prozent ist die Digitalisierung ihres Unternehmens eine große Herausforderung (Bitkom Research, 02.03.2017). Welche Probleme entstehen durch die Digitalisierung im Handwerk?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Die Anschaffung von digitaler Infrastruktur in Unternehmen und die dafür notwendige Schulung der Mitarbeiter, ist insbesondere für kleine Unternehmen eine Herausforderung. Dazu kommt der Spagat zwischen technischer Innovation durch die Digitalisierung und der Bewahrung der handwerklichen Fähigkeiten. Es sind sicher sehr vielschichtige Probleme, eines wird aber bei den meisten Unternehmen vorhanden sein. Die Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und deren Umsetzung kostet Zeit. Zeit die im Unternehmen durch viele bürokratische Hürden und Auflagen immer knapper geworden ist. Wir Freie Demokraten setzen uns deshalb für eine deutliche Entbürokratisierung ein, um den Unternehmen wieder mehr Zeit für ihr eigentliches Handwerk zu geben.

Unsicher, teuer und unnötig: Löst die Digitalisierung Probleme oder macht sie neue?

Lena Schwäcke (energieheld): Viele Mitarbeiter und Handwerker sind im Umgang mit neuer Technologie unsicher. Welche Lösungsvorschläge haben Sie?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Ein Patentrezept gibt es dafür aus meiner Sicht nicht. Da muss jedes Unternehmen einen eigenen Weg finden. Damit dabei niemand auf der Strecke bleibt, ist insbesondere die Selbstverwaltung der Wirtschaft gefordert. Mit sinnvollen Beratungs- und Bildungsangeboten können auch kleine Unternehmen auf diesem Weg mit Schritt halten.

Lena Schwäcke (energieheld): Besonders das Thema Datenschutz sorgt viele Handwerksbetriebe. Wie können Geschäftsprozesse sicher digitalisiert werden?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Um sich gegen die Gefahren aus der digitalen Welt zu schützen, sind in erster Linie die Unternehmer gefragt, passende Maßnahmen in ihren Betrieben zu ergreifen. Die Selbstverwaltung der Wirtschaft kann bei dem Thema Datenschutz mit Handlungsempfehlungen und Beratungen den Unternehmen wichtige Hilfestellungen geben. Politik kann hierbei unterstützend tätig sein. Darüber hinaus kann sie dafür Sorge tragen, dass durch die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen ein allgemein hohes Schutzniveau beim Umgang mit Daten erreicht wird und dass die Umsetzung dieser Rahmenbedingungen für die Handwerksbetrieb auch leistbar ist.

Lena Schwäcke (energieheld): Jedes dritte Unternehmen würde die Fortbildung älterer Mitarbeiter nicht unterstützen (Bitkom Research, 30.06.2016) . Gleichzeitig klagen Handwerksbetriebe über den Fachkräftemangel. Wie wollen Sie diese Schieflage ausgleichen?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Ich bin davon überzeugt, dass jedes Unternehmen, das nicht in Qualifizierung der eigenen Mitarbeiter investiert, irgendwann den eigenen Kurs korrigieren muss. Auf dem heutigen Arbeitsmarkt können sich Fachkräfte den Arbeitsplatz aussuchen. Über kurz oder lang werden diese sich für Betriebe entscheiden, die entsprechende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten, um am eigenen Karriereweg weiter zu feilen.

Sind alle Handwerker in Zukunft digital?

Ich stelle mir im Jahr 2030 ein Handwerk vor, in dem die Handwerker körperlich entlastet werden und sich mehr auf ihre fachlichen und handwerklichen Fähigkeiten konzentrieren können.

Lena Schwäcke (energieheld): Herr Reinhold, was möchten Sie als Bundestagsabgeordneter beim Thema Digitalisierung im Handwerk verändern?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Viele Handwerksbetriebe haben die Zeichen der Zeit erkannt und in den vergangen Jahren in die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle und Prozesse investiert. Damit sich diese Investitionen auszahlen, wollen wir sicherstellen, dass die Handwerksbetriebe die Chancen der digitalen Transformation voll ausschöpfen können. Dazu muss zu aller erst den flächendeckenden Glasfaserausbau in Deutschland vorangetrieben werden, insbesondere im ländlichen Raum. Darauf aufbauend muss die weitere Digitalisierung von Geschäftsmodellen unterstützt werden. Dies gehört zu den vordringlichsten Aufgaben in dieser Legislatur und wir Freie Demokraten werden uns mit vollem Nachdruck dafür einsetzen. Sonst werden wir auf Dauer unseren Platz unter den führenden Wirtschafts- und Exportnationen verlieren.

Lena Schwäcke (energieheld): Welche Ziele für die Handwerkerbranche haben Sie bereits erreicht?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): In der 17. Wahlperiode von 2009 bis 2013 konnten wir Freie Demokraten in Regierungsverantwortung viele wichtige Weichenstellungen für das Handwerk umsetzen. Ob die gleichwertige Einordnung von Meisterabschluss und Bachelorabschluss im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR), die Einführung des Meister-BAFöG, der Erhalt des Meisterbriefs oder die bürokratische Entlastung der Handwerksbetriebe durch die Abschaffung des Elektronischen Entgeltnachweis-Verfahrens (ELENA), die FDP hat großen Augenmerk auf Themen gelegt, die gerade für das Handwerk von Bedeutung sind. Diesen Weg werden wir fortsetzen.

Aktuell schieben wir in der FDP-Fraktion gerade eine Initiative zur Flexibilisierung der Arbeitszeit an. Gerade für das Handwerk ist dies ein wichtiger Punkt, um in den Zeiten leistungsfähig zu sein, wo die Aufträge da sind. So können Unternehmen den veränderten Anforderungen der Kunden gerecht werden. Für mich ist es aber auch ein wichtiger Erfolg, dass mit der FDP wieder eine Partei im Bundestag vertreten ist, die die Interessen und Probleme des Handwerks kennt und ernst nimmt. In den letzten vier Jahren ist dieser Blickwinkel in unserer Gesellschaft viel zu kurz gekommen.

Lena Schwäcke (energieheld): Bei Digitalisierung denkt man oft an Drohnen und Roboter, die ganze Arbeitsbereiche übernehmen und das traditionelle Handwerk ablösen. Wie stellen Sie sich das Handwerk im Jahr 2030 vor?

Hagen Reinhold (Bundestagsabgeordneter/FDP): Als ich meinen Beruf erlernt habe, haben Zementsäcke noch 50kg gewogen. In Zukunft werden vielleicht Lastdrohnen den Zement in das Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses transportieren. Ich stelle mir im Jahr 2030 ein Handwerk vor, in dem die Handwerker körperlich entlastet werden und sich mehr auf ihre fachlichen und handwerklichen Fähigkeiten konzentrieren können.

Lena Schwäcke (energieheld): Lena Schwäcke (energieheld): Lieber Herr Reinhold, wir danken Ihnen für das spannende Gespräch!

Unser Fazit: Ist der digitale Handwerksbetrieb realistisch?

Nicht allen Handwerksbetrieben fällt es leicht, die eigenen Geschäftsprozesse zu digitalisieren. Neben den Kosten wird auch viel technischen Wissen vorausgesetzt, das vielleicht nicht jeder Mitarbeiter oder Unternehmer sofort mitbringt. Damit der digitale Wandel gelingt, stellen Politik und Arbeitgeber Fortbildungen und Fördergelder bereit und unterstützen Handwerksbetriebe bei der Umsetzung. Ein Beispiel ist das Förderprogramm „go-digital“ des Bundeswirtschaftsministerium (BMWi), die Unternehmer mit passenden Beratungsfirmen verbinden und bezuschussen.

Grundsätzlich kann jeder Betrieb, egal ob 100 oder 1 Mitarbeiter, die digitalen Möglichkeiten für sich nutzen. Eine einfache Handwerker-Software nimmt viel Arbeit ab und hilft, die Geschäftsprozesse effizienter zu machen. Wie leicht das gehen kann, zeigt der Fensterbauer Daniel Wuttke aus Berlin.

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