Interview: Dipl.-Ing Martin Schlobach

Interview: Dipl.-Ing Martin Schlobach
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© Martin Schlobach

In der Blog-Reihe “energieheld fragt – Experten antworten” interviewt energieheld regelmäßig Experten aus den verschiedensten Bereichen der Energiebranche. Diverse wichtige Punkte zu Techniken oder zur aktuellen energiepolitischen Lage werden angesprochen, ein Ausblick auf Trends sowie Tipps wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann werden gegeben. In der Reihe kommen Blogger, Politiker und Fachkundige jeder Art zu Wort.

Heute wird uns Martin Schlobach die Antworten auf unsere Fragen geben.

Martin Schlobach (31) ist seit 2007 Diplom-Ingenieur (FH) mit einem Abschluss in „Technischem Gebäudemanagement“ und arbeitet in Kiel für das Gebäudemanagement Schleswig-Holstein im Bereich „Energie- und Abfallmanagement“.

Seit September 2013 bloggt er auf der Website www.haustechnikverstehen.de über die Themen der Gebäudetechnik. Sein Ziel ist es dabei, die doch recht komplexen, technischen Hintergründe sinnvoll aufzuarbeiten und so dem Laien verständlicher zu machen. Um allen Menschen die Energiewende ein Stück weit näher zu bringen, sollen auf diesem Weg bestehende Wissensbarrieren zum Thema Energieeffizienz aufgehoben werden.

Dieses Interview mit Martin wird hauptsächlich Fragen zu Heizungssystemen und der Warmwasserbereitstellung in Gebäuden beinhalten.


Beginn des Interviews:

energieheldHallo Martin, vielen Dank dass Du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten.

Martin Schlobach: Hallo, sehr gerne!

Thema: Moderne Heiztechniken

energieheld: Was ist deiner Meinung nach die sinnvollste Art zu heizen? Natürlich kommt es immer auf das Gebäude, die Bewohner und den entsprechenden Verbrauch an, aber gibt es eine Technik die dir aktuell besonders praktikabel und/oder umweltfreundlich erscheint? Sagen wir, zum Beispiel für ein klassisches Einfamilienhaus mit 4 Personen?

Martin Schlobach: Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, da es in der Tat auf verschiedene Faktoren ankommt. Für die Zukunft wird natürlich eine umweltfreundliche und regenerative Energieversorgung angestrebt. Dies kann durch die Kombination von mehreren Technologien erreicht werden. Im Bereich der erneuerbaren Energien sind das beispielsweise Photovoltaik (PV), Solarthermie, Biomasse und Wärmepumpen. Die Kombination von mehreren Technologien bezeichnet man als „multivalente Gebäudeenergieversorgung“.

Grafik: Hybridheizung - pelletheizung und Solaranlage

Hier wird ein Solarkollektor mit einem Solarspeicher und einer Pelletheizung kombiniert.
© Energieheld GmbH

In dem Bereich der multivalenten Gebäudeenergieversorgung wird aktuell sehr viel geforscht und eine klare Aussage wie: „System X kombiniert mit System Y ist am besten“ kann nicht eindeutig getroffen werden. Das Institut für Thermodynamik und Wärmetechnik (ITW) der Universität Stuttgart hat beispielsweise ein Forschungs- und Testzentrum für Solaranlagen eingerichtet, um verschiedene Technologien zur Bereitstellung von Wärme und Strom zu testen. Getestet werden dabei die Technologien Mini BHKW, PV + elektrische Wärmeerzeugung, PV + konventioneller Heizkessel (Öl, Gas und Biomasse), PV + Solarthermie und konventioneller Zusatzheizung und PV + Wärmepumpe + Solarthermie. Dabei werden der Nutzenergieertrag, der Primärenergiebedarf und die Wirtschaftlichkeit getestet und es findet eine ökologische Bewertung statt. Erste Forschungsergebnisse vom ITW zeigen, dass im Neubau und auch im Bestand eine solarthermische Kombianlage mit Wärmepumpen-Nachheizung die höchste Primärenergieeinsparung hat. Dabei wird die PV-Einspeisung nicht berücksichtigt.

Wenn die PV-Einspeisung berücksichtigt wird, erweist sich eine Systemkombination von Photovoltaik und Wärmepumpe als System mit dem niedrigsten Gesamtprimärenergiebedarf. In Bestandsgebäuden haben die Messungen ergeben, dass die Kombination von Solarthermie und Gasheizkessel das kostengünstigste System darstellt. Aktuell ist in den meisten Fällen der Vorzug von solarthermischer Wärmeerzeugung gegenüber photovoltaischer Wärmeerzeugung sinnvoll. Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen, ob es eine Technik gibt, die besonders praktikabel und/ oder umweltfreundlich erscheint, kann ich auf die genannten Technologien verweisen. Die Frage ist nur, ob jemand dafür bereit ist, das entsprechende Geld zu zahlen. Möchte man viel Primärenergie einsparen, sind meist hohe Investitionskosten notwendig. Diese sind dann aber nicht immer am wirtschaftlichsten. Es kommt also darauf an, welchen Wert eine umweltfreundliche Heizungsanlage für jemanden darstellt und wie viel Geld er dafür bereit ist auszugeben.

Thema: Sind Ölheizungen bald passé?

energieheldViele Heizungssysteme werden in Deutschland noch immer mit Heizöl betrieben. Die Ölpreise sind zwar auf einem hohen Niveau, jedoch war das Heizöl 2013 stets günstiger als noch im Vorjahr. 2014 liegen die Durchschnittspreise sogar unter denen von 2013. Die Heizölpreise sinken also seit zwei Jahren. (http://www.tecson.de/pheizoel.html)
Worauf ist dies zurückzuführen und wie werden sich die Ölpreise wohl weiterentwickeln? Hat die Ölheizung eine Zukunft?

Martin Schlobach: Es ist richtig, dass der kurzfristige Trend vom Ölpreis nach unten geht und dieser einigen Schwankungen unterliegt. Langfristig gesehen ist der Trend des Ölpreises jedoch steigend (http://www.tecson.de/historische-oelpreise.html) und wird meiner Meinung nach auch weiterhin ansteigen. Ich denke im großen Stil wird die Ölheizung keine Zukunft haben, da sie auch mit Hilfe von moderner Brennwerttechnik nicht an die Effizienz einer vergleichbaren Gasheizung herankommt. Im kleineren Stil glaube ich, dass Ölheizungen in entlegenen Orten weiterhin zum Einsatz kommen, da oft keine Alternativen zur Verfügung stehen. Wenn sich regenerative Heiztechnologien für dezentrale Versorgungsstrukturen durchsetzen und effizient arbeiten, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass Öl- und Gasheizungen von diesen abgelöst werden.

Thema: Wasserstoff als Brennstoff der Zukunft?

energieheldMan hört immer mal wieder von der Idee, zukünftig Wasserstoff als sauberen Brennstoff für Heizungen zu verwenden. Dieses würde CO2-frei verbrennen und somit die Umwelt nicht so stark belasten wie Öl und Gas. Zudem gibt es Überlegungen, die bereits bestehenden Gasleitungen zu nutzen, um Haushalte mit Wasserstoff zu versorgen. Eine interessante Idee. Könnte dies eine zukünftige Möglichkeit der Wärmeversorgung sein? Wo liegen die Gefahren und Hindernisse?

Martin Schlobach: Man spricht hier vom sogenannten „Power-to-Gas“. Dabei wird Wasserstoff mit Hilfe von überschüssigem Strom aus regenerativen Energien (Wind und Sonne) über die Wasserelektrolyse gewonnen. Anschließend kann der Wasserstoff durch den Zusatz von Kohlenstoffdioxid in synthetisches Methan umgewandelt werden und über die vorhandenen Gasleitungen zum Verbraucher gebracht werden. Ich denke, dass „Power-to-Gas“ in der Zukunft eine wichtige Rolle für die Speicherung von schwankungsintensiven erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne spielen kann. Die vorhandene Infrastruktur von Erdgas könnte dabei weiterhin genutzt werden und Haushalte mit EE-Gas (Erneuerbare-Energien-Gas) versorgen. Weiterhin kann die beim „Power-to-Gas-Prozess“ entstehende Abwärme in vorhandene Nah- und Fernwärmenetze eingespeist oder in anderen Bereichen wie Gasvorerwärmung oder Biogasanlagen verwendet werden.

Hindernisse sind meist die Wirtschaftlichkeit von „Power-to-Gas“ Anlagen. „Power-to-Gas“ Anlagen sind von den Investitionskosten, den Strombezugs- und Gasverkaufspreisen sowie dem Wirkungsgrad der Anlage abhängig. Weiterhin wird aktuell geprüft, in welchem Umfang die vorhandene Infrastruktur von Erdgas wirklich genutzt werden kann. Es gibt von verschiedenen Seiten Befürchtungen, dass ein zu hoher Wasserstoffanteil im Gas die Leitungen beschädigen könnte, was teure Nachrüstungen zur Folge hätte.

Ich persönlich denke, dass „Power-to-Gas“ in der Zukunft eine interessante Möglichkeit zur Wärmeversorgung sein kann.

Thema: Mit Holz-Pellets CO2-neutral heizen?

energieheld: Heizen mit Holz gilt als CO2-neutral, da das im Holz gebundene CO2 relativ zeitnah in den letzten Jahrzehnten durch die Sauerstoffproduktion des Baumes neutralisiert wurde. Öl- und Gasverbrennung hingegen emittiert das CO2 von mehreren tausend Jahre alten Pflanzen, unser Klima kann mit diesem plötzlichen „CO2-Schock“ nicht umgehen. Ist die Pelletheizung eine ökologische Alternative? Was sind die Vor- und Nachteile von Holzverbrennung zu Heizzwecken.

Martin Schlobach: Betrachtet man die CO2 Neutralität von Pellets bei der Verbrennung, kann man von einer ökologischen Alternative zu konventionellen Öl- und Gasheizkesseln sprechen. Weiterhin werden Pellets überwiegend aus Abfallprodukten der Holzindustrie hergestellt und finden somit eine weitere Verwendung. Ökologisch gesehen ist das sehr gut.

Bevor man sich für eine Pelletheizung entscheidet, sollte jedoch auch hier geprüft werden, ob diese Sinn macht. Pellets benötigen einen relativ großen Lagerplatz und eignen sich daher nicht für jedes Gebäude. Weiterhin sind die Investitionskosten für eine Pelletheizung vergleichsweise hoch und eine Pelletheizung ist sehr wartungsintensiv.

Die Aussage, dass Pellets ein kostengünstiger und preisstabiler Rohstoff sind, kann meiner Meinung nach nicht mehr getroffen werden. Die Pelletpreise sind von 2005 bis 2013 im Durchschnitt um 56 % angestiegen. Im Vergleich dazu ist Öl im selben Zeitraum um 58 % und Gas um 36 % gestiegen.

Trotz alledem denke ich, dass die Pelletheizung eine sehr gute ökologische Alternative zu Öl- und Gasheizungen ist. Aber auch hier gilt, dass es darauf ankommt, welchen Wert eine ökologische Heizungsanlage für jemanden darstellt und wie viel Geld er dafür bereit ist auszugeben. Denn die Entscheidung für eine Pelletheizung ist nicht immer die wirtschaftlichste.

Thema: Ist die Pflicht zum Energieausweis sinnvoll?

© Ulrich Mueller / shutterstock.com

energieheld: Seit Mai 2014 müssen für Gebäude die zur Vermietung oder zum Verkauf stehen, Energieausweise verpflichtend erstellt werden. Was hältst du von der neuen Pflicht zur Erstellung eines Energieausweises für Gebäude?

Martin Schlobach: Ich persönlich finde diese Pflicht trotz vieler Unklarheiten und Kritiken gut. Ein ordentlich ausgestellter Energieausweis kann dem Mieter oder Käufer einen ersten Richtwert für den Energieverbrauch eines Gebäudes geben. Das ist ähnlich wie mit Haushalts- oder Elektrogeräten, die mit einem Energielabel versehen sind. Auf der anderen Seite können Vermieter oder Verkäufer mit einem energieeffizienten Gebäude positive Werbung für ihre Immobilie machen.

Für mich ist diese Pflicht sinnvoll, denn fast jeder Autobesitzer weiß, wie viel sein Auto auf 100 Kilometer verbraucht, hat zugleich aber keine Kenntnis über den Energieverbrauch seines Gebäudes. Mit dieser Plicht kann meiner Meinung nach ein neues Bewusstsein für den Energieverbrauch von Gebäuden geschaffen werden. Nur mit diesem Bewusstsein ist es dann auch möglich Maßnahmen zum effizienten Einsatz von Energie zu treffen.

energieheld: Martin, vielen Dank für das Gespräch!


Fazit

Es wird auch mit diesem Interview wieder einmal klar, dass die Welt der Energiewende komplex ist.

Zum einen muss generell zwischen den ökologischen Vorteilen und den wirtschaftlichen Vorteilen einer Heizungsanlage unterscheiden werden. Leider gibt es bisher keine Patent-Lösung die beide Aspekte maximiert. Hier muss der jeweilige Eigentümer selber entscheiden als wie wichtig er die Geldersparnis oder die Verringerung seiner CO2-Emission einschätzt.

Neben der individuellen Einschätzung dieser Aspekte, kommt noch die unterschiedliche Effektivität der Anlagen je nach Gebäude hinzu. Nicht jede moderne Heizungsanlage, wie eine Pelletheizung, macht auch für jeden Haushalt gleichviel Sinn. Hier gilt es jeweils genau die Wohnsituation zu untersuchen um die optimale Lösung zu finden.

Doch genau hier kann die Energiewende umgesetzt werden. Der Bürger hat es in der eigenen Hand seinen Beitrag zur Energiewende und zum Umweltschutz zu leisten. Sind die Effizienz-Maßnahmen entsprechend bekannt und passend errechnet, so kann durch ein energieeffizientes Eigenheim viel für die Umwelt getan werden.

Weiterführende Links:
Ölheizung
Pelletheizung
Energieausweispflicht

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Stephan Günther

"Für eine erfolgreiche Energie- und Wärmewende ist eine realistische und unabhängige Informationsbereitstellung wichtig. Bei Energieheld ist dies unser tägliches Bestreben."