Energiewende Aesthetik

Energiewende und Ästhetik? – ein Exkurs über Bewusstsein und Akzeptanz

Globale Erwärmung und klimatische Veränderungen. Die Endlichkeit von fossilen Energieträgern sowie die Gefahren der Kernenergie. Allesamt gewichtige Gründe für die Energiewende.

Die Lösung des globalen Energieproblems gilt als zentrale Herausforderung des noch jungen 21. Jahrhunderts. Viele gebannte Blicke richten sich derzeit in Richtung unserer Bundesrepublik, denn die Energiewende ist hierzulande voll im Gange. Die Wende umfasst Veränderungen auf vielen Ebenen. Speziell der Wandel von Natur- und Kultur- zur Energielandschaft löst aktuell Interessenkonflikte aus. Kritiker beklagen als Folge der Energiewende unzählige „Industriebuckel“ von Biogasanlagen im Umfeld von Bauerhöfen, überdimensionierte Windkraftanlagen die unsere Natur „verspargeln“ oder monströse Strom-Überlandleitungen der „Lobby-Energiefritzen“ und „glitzernde“ Photovoltaik-Anlagen, die die Natur verdrängen. So könnte man Fragen: Energiewende und Landschafts-Ästhetik – passt das überhaupt zusammen?

Doch dieser Ansatz erscheint nicht tiefgreifend genug. Deshalb gilt es darüber hinaus zu beleuchten: Wie ausgeprägt ist eigentlich die generelle Akzeptanz und das Bewusstsein gegenüber dem aktuellen Wandel?


Zum  „sichtbaren“ Wandel der deutschen Naturlandschaft

Im alltäglichen Sprachgebrauch gilt ästhetisch meist als Synonym für schön oder geschmackvoll. Darüber hinaus steht der Begriff für eine ganze Bandbreite von Eigenschaften, die darüber entscheiden, wie wir wahrgenommene Objekte bewerten.

Die meisten Menschen befürworten prinzipiell den Umstieg auf erneuerbare Energien. Trotz dessen stehen viele speziell Veränderungen der Landschaftsstruktur kritisch gegenüber und befürchten negative Auswirkungen auf das Landschaftsbild und dessen Ästhetik. Vor allem dort, wo Anlagen erneuerbarer Energien geplant sind, aber noch keine Erfahrungen mit diesen vorliegen, entstehen Ängste und Wiederstand.

Fakt ist, die Energiewende macht „Energie“ plötzlich für jedermann sichtbar. Eine stetig wachsende Anzahl von Windrädern, Solaranlagen und Überlandleitungen führt bei vielen Bürgern zu einer vorschnellen Abwehrhaltung. Bisweilen rauchten Kraftwerke als zentrale Energieversorger an einzelnen Standorten, meist fernab von vielen Blicken in geballten Industriegebieten. Ansonsten war „Energie“ für die breite Masse bis auf ein paar Strommasten unsichtbar und unterirdisch, abgebaut und gefördert in weiter Ferne: Kolumbien (Kohle), Russland (Gas), Saudi-Arabien (Öl).

Im Zuge der Energiewende bleibt Energie nun nichtmehr auf wenige Standorte zentriert, sondern verteilt sich dezentral überall. Möglicherweise auch unmittelbar bis in die Komfortzone des Eigenheims. Es wird sichtbar, der Strom aus der Steckdose kommt vom Windrad um die Ecke oder vom glänzenden Dach nebenan.

Reflexion von Landschaftsveränderungen

Strommasten mal aus einer anderen Perspektive © pixabay.com CCO

Strommasten mal aus einer anderen Perspektive
© pixabay.com CCO

Immer und überall wo Energie erzeugt wird, verändert sich auch die Landschaft. Durch Brennholzeinschlag, Torfabbau oder Wasserkraftnutzung entstanden aus Naturlandschaften Kulturlandschaften. Gerade bei der Gewinnung fossiler Energieträger wie Kohle und Erdöl, sowie übrigens auch bei Uran für Atomkraftwerke, wird besonders stark in die bestehenden Landschaften eingegriffen. Vor Augen zu führen bleibt, dass auch fossile Energie vor unserer eigenen Haustür die Landschaft verändert. Überall konnten unabhängig von den jeweiligen räumlichen Bedingungen Industrieanlagen, Wohnsiedlungen, Flughäfen und Autobahnen sowie auch die Industrialisierung der Landwirtschaft ermöglicht werden.

Erneuerbare Energien lassen sich nicht immer und überall erzeugen und einsetzen. Dafür greifen sie nicht oder nur vergleichsweise wenig in die Erdkruste, Böden, Tier- und Pflanzenwelten ein. Aber auch sie verändern Landschaft: vor allem in ihrem Erscheinungsbild. Und diese Veränderungen sind nun wieder vermehrt in unserer Landschaft zu beobachten. An der Menge der neu entstehenden Anlagen und deren Dimensionierung ist ersichtlich, wie ausgeprägt der Energiehunger unserer Gesellschaft ist.

Tourismus – eine Branche leistet Pionierarbeit

Nachhaltigkeit ist für die Mehrheit der Urlauber heutzutage ein wichtiges Kriterium. Das bestätigt auch die Reiseanalyse der neutralen Interessengemeinschaft der Tourismusforschung FUR (Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V.), die als detaillierteste Untersuchung des deutschen Reisemarkts gilt. Für eine Million Reisende war den Marktforschern zufolge Nachhaltigkeit das wichtigste Entscheidungskriterium für die Wahl des Reisezieles. Für weitere sechs Millionen war der Aspekt einer von mehreren ausschlaggebenden Kriterien bei der Reisegestaltung. Festzuhalten bleibt eindeutig, bewusstes und umweltfreundliches Reisen liegt voll im Trend.

Dass die Nutzung von erneuerbarer Energie auch für Touristen eine spannende Sache sein kann, hat sich bereits herumgesprochen. So vermarkten immer mehr Städte und Gemeinden ihre erneuerbaren Energie-Projekte  als Reisezielattraktionen und verknüpfen diese mit „grünen“ Tourismuskonzepten – Imagegewinn garantiert!

Diese Entwicklung lässt die Tourismusbranche als Paradebeispiel hervorheben. Sie versteht es bereits partiell, die Energiewende positiv und sinnvoll in Marketingkonzepte zu integrieren. So entsteht eine Brücke zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen.

Bewusstsein und Akzeptanz

Energiewende und Kulturlandschaft können auch eine Symbiose eingehen © pixabay.com CCO

Energiewende und Kulturlandschaft können auch eine Symbiose eingehen
© pixabay.com CCO

Der Veränderung traditioneller und emotional behafteter Strukturen sind neben Innovation und Notwendigkeit auf der einen Seite meist auch Unbehagen und Skepsis auf der anderen Seite impliziert. Empirisch lässt sich belegen, dass Veränderungsprozesse oft erst nach 20-25 Jahren -also mit der nächsten heranwachsenden Generation- differenziert wahrgenommen werden. Flächendeckendes Bewusstsein über den aktuellen Wandel und die notwendige Akzeptanz, um diesen zielorientiert voranzutreiben, müssen weiterhin aktiv verfolgt werden. Letztlich benötigen sie aber auch schlichtweg den Faktor Zeit, um bei allen Adressaten anzukommen.

Auch die längst durchgestaltete Naturlandschaft unserer Bundesrepublik fällt in dieses Schema. An ausgedehnte Autobahn- und Schienennetze, Hochspannungsleitungen, Kohletagebau, Agrarflächen und veränderte Flussläufe sowie künstlich angelegte Seen haben wir uns längst mehr oder weniger gewöhnt. Die damit einhergehenden Bedürfnisse und Bequemlichkeiten überlagern da schon mal das ästhetische Empfinden und vereinzelte Kritiken.

Letztlich stehen genau diese Elemente auch symbolisch für das bestehende konsumorientierte Wohlstandsmodell, mit implizierten ausufernden Bequemlichkeiten, Kommunikations- und Mobilitätsbedürfnissen. Diese Tatsache verdeutlicht wie wir als Menschen unsere Kulturlandschaft funktionalisieren und diese somit ein Abbild unserer Lebensweise wiederspiegelt. Die Energiewende sollte in diesem Zusammenhang als große Chance wahrgenommen werden. Es besteht die großartige Möglichkeit diese Funktionalität nun auch mit Umweltschutz und Ästhetik zu verknüpfen.


Fazit – Ästhetik des Maßhaltens

Eine große Herausforderung in diesem komplexen Geflecht aus vielerlei Interessen besteht also darin, erneuerbare Energieanlagen so in die vorhandene Landschaft zu integrieren, dass diese als selbstverständlicher, sinnvoller Bestandteil wahrgenommen werden. Hierfür sollten alle Planungs- und Realisierungsprozesse stets transparent sein und alle beteiligten Schnittstellen einen konstruktiven Dialog untereinander anstreben. So wird auch das Bewusstsein und die Akzeptanz gegenüber erneuerbaren Energieanlagen gefördert werden.

Ferner gehört zur Ästhetik auch die Reduktion, die Besinnung auf das Wesentliche. Jeder Konsument ist in der Verantwortung. Ein Mehr an Energieeffizienz in Kombination mit der Einsparung an Energie würde letztlich auch ein Weniger an Anlagen und Infrastruktur bedeuten.

Gerade die Tourismusbranche, in deren Bereich der Faktor Ästhetik zweifelsohne einen hohen Stellenwert genießt, demonstriert stellvertretend, dass die Realisierung der Energiewende im Zusammenspiel mit dem Ästhetik-Aspekt sehr wohl kompatibel ist. Aus Spannungsfeldern und Interessengegensätzen kann also auch eine am Zahn der Zeit orientierte Symbiose erwachsen.

Abschließend bleibt noch einmal an die Notwendigkeit des Umdenkens zu appellieren. Wenn wir die Energiewende nicht zügig voranbringen, wird der Klimawandel mit extremen Wetterereignissen, Bodenerosionen und Überschwemmungen uns ohnehin eine neue Kulturlandschaft bescheren. Die Konsequenzen dieser Überlegung ließen die angeschnittene Debatte sicherlich entblößend wirken!

Verfasst von: Alexander Moritz Vogel


Quellen:

https://www.naturstrom.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=3234&token=08c7cdd955d6d4e615e229097532739f5c0fc3cd

http://www.fur.de/fileadmin/user_upload/RA_Zentrale_Ergebnisse/RA2014_ErsteErgebnisse_DE.PDF

Bildverzeichnis:

Titelbild ist eigene Darstellung, Basis © pixabay.com CCO

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Helen Bielek

Für die Energiewende - bei energieheld kann ich etwas bewegen.