FSC Im Interview Mit Energieheld

Experteninterview: FSC – Wälder für immer

In der Blog-Reihe energieheld fragt – Experten antworten, interviewt energieheld das Forest Stewardship Council (FSC).
Wir haben nachgefragt wieviel Hektar Wald bis jetzt zertifiziert wurden, wie es dem deutschen Wald heute geht, warum die Eilenriede in Hannover ausgezeichnet wurde und ob Holz die Lösung unserer Umweltprobleme sein kann. 

FSC Pressesprecher im Interview mit energieheld

FSC Pressesprecher Lars Hoffmann im Interview mit energieheld

Zu Gast: Der Pressesprecher Lars Hoffmann von Forest Stewardship Council (FSC)

Der Forest (engl. für Wald) Stewardship (engl. für Verantwortung) Council (engl. für Rat) (FSC) ist eine internationale Non-Profit-Organisation, gegründet 1993 in mit Sitz in Bonn. Die Organisation schuf das erste System um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren, unter dem heute bekannten Ausdruck FSC. Bisher wurden ca. 10% der Waldflächen in Deutschland nach FSC zertifiziert. Das heißt, diese Waldflächen werden umweltgerecht, sozialverträglich und wirtschaftlich tragfähig bewirtschaftet.

Unsere Interview-Themen:


Energieheld: Hallo Herr Hoffmann. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.

Hoffmann (von FSC): Danke für Ihr Interesse an unserer Organisation.



Wie zertifiziert man 187 Millionen Hektar Wald?

Energieheld: Wann ist die Arbeit des FSC getan – mit Ende des Waldsterbens?

Hoffmann (von FSC): So lange wire auf der Welt Holz als Rohstoff nutzen, gibt es immer etwas zu tun für den FSC. Schließlich setzen wir uns als Organisation für die nachhaltige Nutzung von Wäldern ein, um so den Holzbedarf dieser und künftiger Generationen zu sichern.

Dabei ist es uns wichtig, dass nicht nur der Rohstoffhunger Maßstab für die Forstwirtschaft ist. Bei FSC-Waldwirtschaft geht es darum gutes Holz zur Verfügung zu stellen, dabei aber die Bedürfnisse der Menschen die im und vom Wald leben zu respektieren und in das Ökosystem nur mit Vorsicht einzugreifen.

Da Holz einerseits ein international gefragter Rohstoff mit Zukunft ist, auf der anderen Seite die Waldvernichtung durch illegale Rodung oder durch die Umwandlung zu Landwirtschaftsflächen z.B. für Soja- oder Palmölplantagen ungebremst fortschreitet, sehe ich derzeit kein Ende unserer Arbeit.

Vielmehr lässt sich festhalten, dass der FSC in den ersten 22 Jahren seines Bestehens viel erreicht hat.

Mit 187 Millionen Hektar zertifiziertem Wald (Anm.d. Red.: Gesamtfläche von Deutschland beträgt  35,734 Millionen Hektar) und über 48.000 Unternehmen die FSC-zertifizierte Produkte verarbeiten können, sind wir auf einem guten Weg, haben aber noch eine gute Strecke vor uns.

FSC und Bäume für Alle

FSC und Bäume für Alle



Dank der deutschen Forstwirtschaft bleibt der deutsche Wald geheimnisvoll

Grundsätzlich hat die deutsche Forstwirtschaft in den letzten Jahren bemerkenswertes geleistet. Schließlich mussten nach zwei Kriegen die gigantischen Mengen aus den Reparationshieben wieder aufgeforstet werden und trotzdem haben viele Forstleute einen nachhaltigen Bewirtschaftungsansatz nicht aus den Augen verloren.

Energieheld: Wie beurteilen Sie den deutschen Wald? Welche Baumarten sind besonders zu schützen und welche haben sich erholt?

Hoffmann (von FSC): Grundsätzlich hat die deutsche Forstwirtschaft in den letzten Jahren bemerkenswertes geleistet. Schließlich mussten nach zwei Kriegen die gigantischen Mengen aus den Reparationshieben wieder aufgeforstet werden und trotzdem haben viele Forstleute einen nachhaltigen Bewirtschaftungsansatz nicht aus den Augen verloren.

Es muss jedoch jedem klar sein, dass wir in Deutschland kaum noch echte Naturwälder haben.

Der Wald vor unserer Haustür ist in der Regel bewusst so gepflanzt und nicht aus sich heraus so gewachsen. Hier kommen wir zu einem der Probleme des Waldes, nämlich dass viele Baumarten dort wo sie wachsen von Natur aus nicht heimisch sind.

Diese nicht heimischen Baumarten, häufig sind das die Nadelbäume Fichte oder Douglasie, wachsen vielleicht schneller und grader und sind für den Waldbesitzer finanziell attraktiver, als zum Beispiel die in vielen Regionen heimische Buche oder Eiche, aber für viele Waldlebewesen bieten diese Baumarten keinen Lebensraum.

Außerdem zeigt es sich, dass insbesondere die Fichte anfällig ist für Schädlingsbefall (Stichwort: Borkenkäfer) und extreme Wetterlagen, wie Sturm und Trockenheit, die mit dem Klimawandel im Zusammenhang stehen.

Bei immer mehr Waldbesitzern setzt sich jetzt die Erkenntnis durch, dass hier ein Umdenken bei der Auswahl der Baumarten stattfinden muss. Der FSC Deutschland forciert dies, verlangt dabei jedoch von zertifizierten Forstbetrieben hierzulande, dass sie die natürliche Waldgesellschaft ins Zentrum ihrer Entscheidungen stellen.

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Wälder die der natürlichen Waldgesellschaft am jeweiligen Standort ähneln die vitalsten und künftigen Umweltherausforderungen an besten gewachsen sind.

Das geheime Leben der Bäume

Das geheime Leben der Bäume von Peter Wohlleben (Ludwig Verlag)

Energieheld: Sie kennen sicher den Spiegel-Sachbuch-Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“, in dem Buch erklärt ein Forstwirt die Sprache der Bäume in deutschen Nutzwäldern.

Hier werden vor allem die Schattenseiten industrieller Massenbaumhaltung aufgezeigt.

Tragen Sie diesem Thema mit der FSC Zertifizierung auch Rechnung?

Hoffmann (von FSC): Der Autor Herr Wohlleben, der im Hauptberuf als Förster für die Gemeinde Hümmel in Rheinland-Pfalz arbeitet, bewirtschaftet diesen Wald seit vielen Jahren als FSC-zertifizierten Wald.

Wie bereits geschildert, orientiert sich FSC-zertifizierte Forstwirtschaft in Deutschland an der natürlichen Waldgesellschaft, also daran wie sich der Wald ohne menschlichen Eingriff in den letzten Jahren entwickelt hätte.

Die sogenannte Massenbaumhaltung bzw. der Wald der als Monokultur ähnlich einer Plantage bewirtschaftet wird, ist ein Auslaufmodell und steht im Widerspruch zum deutschen FSC-Standard.

Artenreiche Mischwälder die auf natürlichem Wege nachwachsen, entsprechen vielmehr dem Leitbild des FSC Deutschland.

Wird ein Wald in Deutschland FSC-zertifiziert und hat in Teilgebieten solche Monokulturen mit nicht heimischen Baumarten, muss der Forstbetrieb Konzepte vorlegen wie er seinen Wald nach und nach entsprechend zu einem naturnahen Wald umgestalten will.



Grünes Hannover dank der Eilenriede

Das Naturland-Zertifikat, dass in diesem Fall zusammen mit dem FSC-Zertifikat vergeben wurde ist in Deutschland sicher das anspruchsvollste Waldzertifikat.

Energieheld: In Hannover liegt der größte innerstädtische Wald in Europa, die Eilenriede mit 640 Hektar. Können Sie einmal beispielhaft skizzieren um was sich die Stadt Hannover kümmern musste um das FSC/Naturland-Waldzertifikat zu bekommen?

Hoffmann (von FSC): Das Naturland-Zertifikat, dass in diesem Fall zusammen mit dem FSC-Zertifikat vergeben wurde ist in Deutschland sicher das anspruchsvollste Waldzertifikat.

Zentrale Fragen bei der FSC-Zertifizierung im Wald sind zum Beispiel:

  • Wie geht der Betrieb mit dem Wald um und was plant er in Zukunft?
  • Wie werden interessierte Bürger und Vereine/Verbände, wie z.B. Naturschützer, Sportvereine, Jogger und andere Erholungssuchende bei der Waldbewirtschaftung mit eingebunden?
  • Welche Konzepte verfolgt der Betrieb, um die Artenvielfalt im Wald zu mehren?
  • Wie steht es um die Naturverjüngung?
  • Gibt es in dem Wald ausreichend Biotope, Habitatbäume, Totholzvorkommen, alte Bäum und andere Bereiche in die der Mensch nicht mehr eingreift?

In einem Wald wie der Eilenriede, der derart stark von Erholungssuchenden frequentiert wird, steht natürlich der Umgang mit Interessengruppen sehr um Zentrum der Betrachtung. Denn die FSC-Zertifizierung räumt jedem die Möglichkeit ein, sich zu möglichen Missständen in der Forstwirtschaft zu äußern.

Dies wird dann bei der nächsten Kontrolle, die mindestens einmal im Jahr stattfinden muss, nachgeprüft und eventuell bekommt der Betrieb bei Verstößen gegen die FSC-Regeln dann konkrete Auflagen auferlegt.



Holz? Die Lösung der Umweltprobleme unserer Zeit

Jedes Jahr werden derzeit bis zu 13 Millionen Hektar Wald vernichtet. Verschiedene Studien gehen von einem Anteil der Entwaldung am Treibhauseffekt von 20 bis 25 Prozent aus.

Energieheld: Welchen Beitrag leistet die FSC für den Klimaschutz? Gibt es noch ungenutztes Potential?

Hoffmann (von FSC): Wenn Wald verschwindet, wird Kohlendioxid freigesetzt – das weltweite Abholzen von Bäumen trägt deshalb maßgeblich zum Klimawandel bei.

Dabei geht es nicht nur um Kohlendioxid, das im Holz gebunden ist; auch in den Böden gesunder Wälder sind große Mengen von Kohlenstoff gespeichert.

Werden zum Beispiel ehemalige Waldböden als Plantagen bewirtschaftet oder als Äcker genutzt und regelmäßig gepflügt, gelangt mehr Sauerstoff in die Erde, und Bodenorganismen setzen mehr Kohlendioxid frei.

Jedes Jahr werden derzeit bis zu 13 Millionen Hektar Wald vernichtet. Verschiedene Studien gehen von einem Anteil der Entwaldung am Treibhauseffekt von 20 bis 25 Prozent aus.
Ich denke hier wird klar, von welch globale Bedeutung die Mission des FSC ist.

Es geht beim Erhalt von Wald und vor allem von natürlichen Wäldern nicht nur um ein paar Tiere, einige Waldarbeiter und um das Holz für mein Papier oder meinen Tisch – FSC leistet vielmehr einen konkreten Beitrag zur Lösung oder zumindest Abmilderung des zentralen Umweltproblems unserer Zeit.

Azubi beim Baum fällen

Azubi beim Baum fällen

Energieheld: Denkt man an Maßnahmen gegen den Klimawandel so fallen häufig die Stichwörter CO2-Auststoß reduzieren oder Energiewende.

Aber die Aufforstung und das Schützen auch der heimischen Waldbestände ist nicht Thema. Woran liegt das?

Schön wäre es, wenn hierzulande auch in bewirtschafteten Wäldern die Bäume wieder älter werden könnten, bevor sie geerntet werden. Dies ist der ein einfacher, aber wirkungsvoller Beitrag für unser Klima, aber auch für die Vielfalt des Lebensraumes Wald.

Hoffmann (von FSC): Ich glaube, dass sich in den letzten Jahrzehnten in der öffentlichen Debatte der Fokus verschoben hat.

Die Not der Wälder unserer Erde ist vielen Verbrauchern nicht mehr so bewusst. Damit stehen die gravierenden Probleme, die durch Entwaldung oder eine rücksichtslose Forstwirtschaft entstehen nicht mehr so sehr im Zentrum. Trotzdem reagieren viele Menschen sehr betroffen, wenn sie mit Bilder einer sehr konventionellen Forstwirtschaft konfrontiert sind.

Zudem können wir schon feststellen, dass die Nachfrage von Verbraucherinnen und Verbrauchern aber auch von Unternehmensseite nach Produkten aus verantwortungsvoller Waldwirtschaft mit dem FSC-Siegel nach wie vor steigt.

Wobei die Vorstellungen einer echt nachhaltigen Forstwirtschaft da etwas auseinander gehen bzw. sich Mythen hartnäckig halten. So ist das Pflanzen von Bäumen in einem gesunden Wald nicht notwendig, weil denn die Natur kann sich selber verjüngen uns aus sich selber heraus nachwachsen. Kritisch ist dabei vielmehr, dass dies heute ohne regulierenden Beitrag des Menschen oft nicht möglich ist.

Schön wäre es, wenn hierzulande auch in bewirtschafteten Wäldern die Bäume wieder älter werden könnten, bevor sie geerntet werden. Dies ist der ein einfacher, aber wirkungsvoller Beitrag für unser Klima, aber auch für die Vielfalt des Lebensraumes Wald.

Energieheld: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Hoffmann (von FSC): Das auch in Deutschland mehr Waldbesitzer den Mut haben ihren Wald FSC-zertifizieren zu lassen, damit wir wieder mehr Natur in unserem Wald haben. Außerdem würde ich mir wünschen, dass härter gegen illegales Holz vorgegangen wird um die Entwaldung wertvollern Naturwäldern an entlegenen Orten der Erde endlich zu stoppen.

Energieheld: Haben Sie drei persönliche Tipps für uns, wie wir im Alltag besser mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen umgehen können?

Hoffmann (von FSC): In Bezug auf Produkte aus Holz und Papier kann ich dem Wald zur Liebe nur empfehlen:

  • Weniger Konsum und Verbrauch
  • Recycling, Wieder- oder Weiterverwertung wo es nur geht
  • FSC-zertifizierte Produkte kaufen wo es geht

Energieheld: Herr Hoffmann, vielen Dank für das Gespräch.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich habe mich sehr gefreut, dass der FSC uns in Person von Herrn Hoffmann zugesagt hat. Wenn wir nur aufmerksam genug durch unsere Umwelt laufen, bemerken wir dieses kleine und unauffällige Siegel überall.

Als Kind die Schulhefte natürlich, wenn ich krank war fiel mir das Siegel auf der Taschentuchpackung auf und auf der ersten Seite eines Buches findet es sich auch immer wieder (Das Buch: Das geheime Leben der Bäume trägt natürlich das FSC-Siegel). Da war mir klar, dass ich das Siegel und vor allem die Idee dahinter einmal näher kennen lernen wollte.

Ich glaube es ist uns mit dem Interview gelungen, der Idee hinter dem Siegel etwas näher zu kommen.

Wir wissen jetzt, dass bereits 187 Millionen Hektar Wald zertifiziert wurden. Unglaublich. Kein Wunder, dass FSC nach meinem Gefühl überall drauf steht. Wir haben auch etwas über die deutschen Wälder gelernt und mir ist noch mal bewusst geworden, wie wenig echte Naturwälder es in Deutschland eigentlich gibt.

Und natürlich der Klimawandel. Ein besonders wichtiges Thema auch und gerade für den FSC. Denn der Wald ist nicht umsonst unsere grüne Lunge. Hier gilt es besonders auf die Fichte zu achten und sie verstärkt zu schützen. Denn Sie ist besonders vom Klimawandel bedroht.

Ich glaube, wenn wir ein bewussteren Umgang mit der Ressource Holz pflegen und ab und zu in die wunderbaren deutschen Mischwälder wandern gehen, dann merken wir auch, warum es sich lohnt unseren Wald zu erhalten.

Der Kauf von FSC zertifizierten Produkten ist nicht das Wichtigste, wichtiger ist sich immer wieder bewusst zu machen, was es bedeutet zu konsumieren und zu verbrauchen.

Welche Folgen das hat und welchen ökologischen Fußabdruck wir dadurch hinterlassen.

Also mehr Wandern und weniger 10-lagiges Klopapier kaufen 😉

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Sebastian Zahn

Literatur, Redaktion und Energiewende - das sind meine Themen. Bei energieheld bin ich daher genau richtig.