Harald Lesch - Der Klimawandel In Deutschland

Harald Lesch – Zum Stand der Dinge

Harald Lesch – Zum Stand der Dinge
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In der Reihe „Energieheld fragt, Experten antworten“ sprachen wir mit Harald Lesch über den Stand der Dinge in Sachen Energiewende in Deutschland. Herr Lesch ist Astrophysiker, Naturphilosoph und moderiert im ZDF die Sendung „Leschs Kosmos“.

Sein Buch „Die Menschheit schafft sich ab“, welches er zusammen mit Klaus Kamphausen geschrieben hat, ist Spiegel Bestseller. 

Übermäßiger Ressourcenverbrauch in Deutschland

Unter der jetzigen Regierung gerät die Energiewende in Deutschland ins Stocken. Wir können es uns nicht leisten, den Ausbau von Solar- und Windenergie auszubremsen.

Sebastian Zahn (energieheld): Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Pro-Kopf-Emission im Jahre 2013 bei 4,9 Tonnen CO2 lag. Um die globale Erwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern, muss die jährliche Pro-Kopf-Emission weltweit bis 2050 auf 2 Tonnen gesenkt werden. Wie kann der Einzelne 2 Tonnen CO2 einsparen?

Harald Lesch: 2015 wurden je nach Quellenangaben zwischen 35 und 36 Gigatonnen CO2 weltweit emittiert. Das sind pro Kopf der Weltbevölkerung (7,3 Milliarden) rund 5 Tonnen CO2.
Nicht der Einzelne kann zwei Tonnen CO2 einsparen. Wie die Klimakonferenz in Paris gezeigt hat, kann nur die Weltgemeinschaft zusammen dieses Ziel erreichen.

Die Welt in 100 Jahren - Harald Lesch

Die Welt in 100 Jahren – Harald Lesch

Die Nutzung fossiler Brennstoffe – Öl, Gas und Kohle – muss drastisch und schnell heruntergefahren werden. Wenn Deutschland zum Beispiel meint, weiter Braunkohle fördern und verbrennen zu müssen, dann ist das der absolut falsche Weg. Unter der jetzigen Regierung gerät die Energiewende in Deutschland ins Stocken. Wir können es uns nicht leisten, den Ausbau von Solar- und Windenergie auszubremsen.

Energie und Rohstoffe

Sebastian Zahn (energieheld): Lieber Herr Lesch, der ökologisch sinnvollste Umgang mit Energie ist sicherlich der, die Energie erst gar nicht erst zu benötigen. Selbst Ökostrom und Co. können erst nach Eingriff in die Natur erzeugt werden, Wind-und Wasserkraftwerke müssen schließlich auch irgendwo gebaut werden.

Uns interessiert daher natürlich auch Ihre Meinung zur Energieeffizienz: Welche Rolle spielt die Energieeffizienz und das direkte Einsparen an Energie, zum Beispiel in der Gebäudetechnik, durch effiziente Heizsysteme und sinnvolle Dämmungen?

Harald Lesch: Natürlich ist es immer gut, so wenig wie möglich Energie zu verbrauchen. Das gilt für unsere Mobilität, das gilt für die Landwirtshaft, das gilt für unser Konsumverhalten und natürlich auch für unser Zuhause. Was Gebäudetechnik und Heizsysteme angeht, ich bin weder Architekt noch Ingenieur, aber die Zukunft – an manchen Orten schon Realität und Gegenwart – gehört dem Nullenergiehaus und dem Plusenergiehaus.

Eine Stadt wie Kopenhagen will bis 2025 zur ersten CO2-neutralen Hauptstadt der Welt werden. Das ist möglich durch eine kluge Nutzung regenerativer Energien auf der einen Seite und Energieeffizienz und Einsparung auf der anderen Seite.

Deutschland auf Platz 22 im Klimaschutz Index

Sebastian Zahn (energieheld): Warum fördert Deutschland (Platz 22) nicht wie Dänemark (Platz 4) Programme zur Energieeffizienz (z. B. Fördermaßnahmen für die Energieerzeugung aus Biomasse/Biogas)?

Harald Lesch: Das sind Entscheidungen, die in Berlin getroffen werden. Wir haben als Wähler und als Mitglied der Zivilgesellschaft die Möglichkeit, die Entscheidungen in Berlin zu kritisieren, Änderungen anzumahnen.

Übrigens steht Deutschland im neuen von Germanwatch veröffentlichten Klimaschutzindex 2017 nur noch auf Platz 29. Die Begründung dafür liest sich so:
„Deutschland fällt um weitere Plätze ab und landet auf Rang 29. Obwohl das Land bei den Erneuerbaren Energien in der Spitzengruppe bleibt, ist Deutschland nicht auf dem richtigen Weg, um seine Ziele für die Emissionsreduktionen bis 2020 zu erreichen.

Deutsche KlimaexpertInnen kritisieren die derzeitige Debatte um eine langfristige Klimastrategie, die die Grundlage für das Erfüllen des Paris-Abkommens von deutscher Seite aus bilden soll. Laut ExpertInnenmeinung wurden die Verhandlungen hierzu von VertreterInnen der Kohleindustrie und anderen energieintensiven Industrien dominiert und in ihrem eigenen Interesse immer wieder vertagt. Um in den nächsten Jahren im Ranking aufzusteigen, muss Deutschland sich ehrgeizigere Ziele zur Reduktion von Emissionen in allen Sektoren setzen und einen angemessenen Plan zum Ausstieg aus der Kohle vorlegen.“

Energiewende so kann sie gelingen

Wir können es uns nicht leisten, weiter auf die Lobbyisten der alten Industrien zu hören, […]

Sebastian Zahn (energieheld): Was ist Ihrer Meinung nach das aktuell wichtigste Thema in Sachen Energiewende auf das Sie gerne Aufmerksam machen möchten?

Harald Lesch und Klaus Kamphausen - Die Menschheit schafft sich abHarald Lesch: Das Klimaschutzabkommen von Paris sollte von einem reichen und technologisch hoch entwickelten Land wie Deutschland konsequent und vorbildlich umgesetzt werden.
In den Bereichen Energie, Verkehr sowie Landwirtschaft, das sind die drei größten CO2-Emittenten, sollten wir transformativ handeln: Förderung von Wind- und Solarenergie, Schluss mit der Braunkohle.

Wirkliche Förderung von E-Mobilität und Schluss mit Verbrennungsmotoren, ob mit oder ohne Schummelsoftware. Lokale, nachhaltige Landwirtschaft, Schluss mit industrialisierter Landwirtschaft und deren Förderung durch EU-Gelder.

Wir können es uns nicht leisten, weiter auf die Lobbyisten der alten Industrien zu hören, wir sollten auf die Wissenschaftler und Politiker hören, die durchdachte und realisierbare Konzepte für eine nachhaltige Energie-, Verkehrs- und Landwirtschaft haben und deren Umsetzung verfolgen.

Sebastian Zahn (energieheld): Lieber Herr Lesch, haben Sie vielen Dank!

  

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Sebastian Zahn

Literatur, Redaktion und Energiewende - das sind meine Themen. Bei energieheld bin ich daher genau richtig.