Hubertus Grass Im Interview über Die Energiewende

Keine Zeit für Fakten – Die postfaktische Energiewende

Keine Zeit für Fakten – Die postfaktische Energiewende
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Ich habe mich im Rahmen unserer Reihe Energieheld fragt Experten antworten mit dem Moderator des Blogs Dialog Energie Zukunft und Unternehmensberater Hubertus Grass über das Postfaktische in der Energiewende unterhalten.

Für uns ein wichtiges Thema, gerade weil wir von energieheld in unserem Blog und im Lexikon so ausgewogen wie möglich informieren wollen. Den Spagat zu schaffen, zwischen emotionalem Enthusiasmus und argumentativer Ausgewogenheit ist dabei natürlich nicht immer einfach.

Inhalt des Interviews:

 Was bedeutet postfaktische Energiewende?

Die Energiewende ist ein komplexes Thema. Entsprechend groß ist die Zahl der Vereinfacher.

Sebastian Zahn (energieheld): Lieber Herr Grass, schön dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Sehr gerne.

Sebastian Zahn (energieheld): Was bedeutet postfaktisch für Sie?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Ich mag solche Modewörter nicht. Postfaktisch verharmlost eine im Kern für unsere Demokratie dramatische Entwicklung. Empirie und Erkenntnis spielen in der Diskussion keine Rolle mehr. Es kommt nur noch auf das Bauchgefühl an.

Sebastian Zahn (energieheld): Die Realität wird gefühlt. Das ist ja gerade in den sozialen Medien ganz stark. Hier bewegt sich der Einzelne ja nur in der eigenen argumentativen Blase – Stichwort Facebook-Algorithmus. Wie kann man dem entkommen?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Mehr denn je muss man sich auf die seriösen Medien und Quellen stützen. Wohl dem, der es gelernt hat, bei jeder Quelle kritisch zu sein. Das sind aber nur wenige. Und in der Informationsflut wird die Sortierung der Fakten schwieriger.

Auch mir passiert es ab und an, dass ich Tageszeitungsartikel bei Facebook interessiert lese, sie teile und dann darauf hingewiesen werde, dass der Bericht schon x-Jahre alt sei. Wir alle müssen aufmerksamer werden und unser Bildungsauftrag – als Eltern, in der Schule und Weiterbildung – hat in der postfaktischen Welt noch einen Punkt dazu bekommen.

Sebastian Zahn (energieheld): Emotionen gegen Argumente. Wie wird im postfaktischen Zeitalter über die Energiewende diskutiert?

Interview Hubertus Grass über die Energiewende

Hubertus Grass über die Energiewende

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Die Energiewende ist ein komplexes Thema. Entsprechend groß ist die Zahl der Vereinfacher. Das fängt beim Lokaljournalisten an, der – es passiert täglich – die neue Windturbine feiert, die „1400 Haushalte mit Energie versorgen kann.“ Daran ist alles falsch.

Noch nicht einmal einen Haushalt kann die neue Turbine rund um die Uhr mit Strom versorgen. Dass Strom nur eine Teilmenge unseres energetischen Umsatzes ist, bekommen auch andere Journalisten, Blogger und sonstige Mitdiskutanten nicht immer auf die Reihe.

Postfaktisch argumentieren auch die Industrie, der IGBCE und Weitere, die ihre Interessen durchdrücken wollen. Am meisten ärgert es mich aber, wenn, die wie ich die Energiewende möglichst schnell wollen, die Wahrheit verbiegen. Man muss sich die Energiewende nicht schön rechnen.

Man muss die Größe der Aufgabe und die Herausforderungen richtig beschreiben. Wer im postfaktischen Stil die Energiewende verteidigt, tut der Sache keinen Gefallen. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – nur so kommen wir bei der Energiewende zum Erfolg.

So wird über die postfaktische Energiewende diskutiert

Populismus ist ja per se nichts Schlechtes.

Sebastian Zahn (energieheld): Unterscheiden sich Befürworter und Gegner der Energiewende in der Art der Diskussionsführung überhaupt noch von einander?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Die Stilmittel der großen Vereinfacher sind ähnlich. Dabei könnten die Befürworter gelassener bleiben. Die Erkenntnisse von 30 Jahren Klimaforschung geben uns jeden Tag ein Stück mehr Recht. Dass Atomenergie unbezahlbar, wussten wir immer. Mit dem Ausstieg wird es für jedermann offensichtlich. Die Atom-Industrie hat übrigens schon immer postfaktisch argumentiert.

Sebastian Zahn (energieheld): Eine gewisse Hysterie herrscht in Sachen Co2 Emission – seit den 1980er Jahre. Denken Sie, dass die gefühlte Wahrheit, verstärkt durch die digitalisierte Energiewende, Fakten und Argumente noch stärker zurückgedrängt hat?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Ich kann da keine Hysterie erkennen. Ich erlebe seit 30 Jahren eher das Gegenteil: Wir gehen wissentlich im Umgang mit unserer Erde ein großes Risiko ein. Wir zocken mit dem Klima und damit mit dem Überleben der Menschheit.

Aspekte der Energiewende

Aspekte der Energiewende

Schon jetzt ist sicher, dass wir einen großen klimatischen Veränderungsprozess in Gang gesetzt haben. Vielleicht reichen unsere Vergehen der Vergangenheit schon aus, diesen Planeten in ein paar hundert Jahren unbewohnbar zu machen.

Angesichts dieser Bedrohung verhalten wir uns, weil wir von den Veränderungen nur sehr wenig am eigenen Leib merken, erstaunlich ruhig. Die Wahrheit des Klimawandels ist nicht gefühlt. Die Bauern in Afrika, ja selbst in Spanien können das an ihrem Ertrag messen.

Sebastian Zahn (energieheld): Wieviel Populismus braucht die Energiewende?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Populismus ist ja per se nichts Schlechtes. Das Postulat Martin Luthers „Dem Volk aufs Maul schauen“ ist richtig. Leider machen heutige Demagogen daraus „dem Volk nach dem Maul zu reden.“

Wer von unseren Politikern erklärt den Leuten, die nicht vom Fach sind, was die Energiewende ist und warum wir sie brauchen? In diesem Sinne wünsche ich mir viel mehr Populismus und weniger Demagogie.

Sebastian Zahn (energieheld): Wie lassen sich Falschaussagen z. B. „Aber alle sagen doch, dass die Erneuerbaren Energien die Energiepreise nach oben treiben.“ aufmerksamkeitswirksam widerlegen?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Warum sollte man das widerlegen? Selbstverständlich haben die Erneuerbaren und mit ihnen der Umbau unseres Energiesystems zunächst eine Preis treibende Wirkung beim Strom.

Gutes kostet immer etwas. Das Geld ist richtig investiert. Man sollte sich aber auch die Zeit nehmen, den Leuten die Mechanismen der Preisbildung auf dem Stromsektor zu erläutern. Zurzeit gibt es Gewinner und Verlierer bei den Preisen. In wenigen Jahren werden wir alle von den geringen Grenzkosten der Erneuerbaren profitieren. Und das Klima sowieso.

Die Zukunft der Energiewende

Sebastian Zahn (energieheld): Was wünschen Sie sich für 2017 ?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft): Die Wiederentdeckung des Respekts im Alltag. Für unsere Mitbürger, in den Online-Foren, gegenüber der Politiker und die abweichende Meinung im Allgemeinen. Wir Menschen sind soziale Wesen.

Insbesondere in den „sozialen Medien“ hat man den Eindruck, wir werden mehr und mehr zu asozialen Wesen. Von den großen politischen Fragen wie der Einheit Europas, der Energiewende, der transatlantischen Freundschaft und dem Frieden auf der Welt lohnt sich nicht zu reden, wenn im Alltag die Basis unseres Zusammenlebens fehlt: Respekt.

Energiespartipps für eine gelungene Energiewende

Sebastian Zahn (energieheld): Am Ende unserer Interviewreihe fragen wir unsere Experten immer nach Energiespartipps für den Alltag. Was sind Ihre Tipps?

Hubertus Grass (Dialog.Energie.Zukunft):  Immer zuerst nach den großen Verbrauchern schauen. Die Heizung muss stimmen. Energiesparende Pumpen, hydraulischer Abgleich und die richtige Temperaturregelung bringen meist die entscheidenden Punkte. Im Zweifel sind Wollpullover und Filzpantoffel energetisch der LED weit überlegen.

Sebastian Zahn (energieheld): Lieber Herr Grass, vielen Dank für das Gespräch!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie wichtig sind Fakten in einer Zeit in der Begriffe wie „Fakenews“, „alternative facts“ und natürlich „postfaktisch“ in aller Munde sind? Für eine wirklich qualitative Meinungsbildung enorm wichtig. Und natürlich gerade bei einem Thema wie der Energiewende, die die unterschiedlichsten Emotionen hochkochen lässt, kommt es auf Fakten an um eine Diskussion mit Befürwortern und Gegnern auf einer konstruktiven Ebene zu führen.

Wir schließen uns der Meinung von Hubertus Grass an, ein bisschen Populismus schadet der Energiewende nicht, um Menschen für ein Thema zu begeistern. Gefährlich wird es, wenn Gefühle die Rolle von Fakten einnehmen. Dann wird aus Populismus ganz schnell Demagogie. Umso wichtiger also, sich aus möglichst vielen Quellen zu informieren und nicht einem Algorithmus zu vertrauen, sondern dem eigenen Verstand. 

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Sebastian Zahn

Literatur, Redaktion und Energiewende - das sind meine Themen. Bei energieheld bin ich daher genau richtig.