Holz nach digitalem Maß – Isabelle Beier von IT-Industrial

Holz nach digitalem Maß – Isabelle Beier von IT-Industrial
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Im zweiten Teil unserer Gründerinnen-Serie sprechen wir mit Isabelle Beier. Die selbstständige Diplomingenieurin entwickelt mit ihrer Firma IT-Industrial Software für holzverarbeitende Maschinen, zum Beispiel für Möbelhersteller. Wir haben mit ihr über die Herausforderungen der Existenzgründung gesprochen und was ihr am Spannungsfeld zwischen Handwerk und Software so gut gefällt.

Darum gehts im Interview:

Bis zur Gründung: Sicherheit vs. Selbstständigkeit

Allerdings ist die räumliche Verschmelzung von Privatleben und Arbeitsplatz eine große Veränderung, die auch eine gewisse Disziplin erfordert.

Janika Kemmerer (energieheld): Frau Beier, Sie haben 2012 Ihre Firma gegründet. Wann stand der Entschluss bei Ihnen fest?

Isabelle Beier ist Gründerin von IT-Industrial

Isabelle Beier (IT-Industrial): Zum ersten Mal kam mir der Gedanke zur Selbstständigkeit vor ungefähr acht Jahren. Allerdings war ich damals zu einen so großen Schritt noch nicht bereit. Die Sicherheit, die das Angestelltenverhältnis mit sich brachte, erschien mir zunächst wichtiger. Allerdings wurde der Alltag im Projektgeschäft zunehmend mühsamer, da sich ein Wandel der Unternehmenskultur vom dynamischen Mittelständler hin zum Konzern mit deutlich starreren Strukturen ereignete. In der Selbstständigkeit hingegen kann ich mir selber treu bleiben und auch die Werte glaubhaft vorleben, die eine nachhaltige Kunden-Lieferanten-Beziehung im Bereich der Software-Entwicklung und IT-Beratung prägen.

Janika Kemmerer (energieheld): Selbstständigkeit bedeutet meistens mehr Freiheit und mehr Verantwortung. Wo haben Sie die größten Veränderungen in Ihrem Arbeitsalltag bemerkt?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Durch meine Selbstständigkeit kann ich mich jetzt wieder stärker auf das Programmieren konzentrieren und bin somit produktiver als früher. Das gefällt mir ziemlich gut. Allerdings ist die räumliche Verschmelzung von Privatleben und Arbeitsplatz eine große Veränderung, die auch eine gewisse Disziplin erfordert.

Des Weiteren pflegen wir eine ausgesprochene Kundennähe, sodass mein Reiseanteil gegenüber dem Angestelltenverhältnis stark gestiegen ist. Mit Familie ist das durchaus eine organisatorische Herausforderung, die alle Familienmitglieder mit tragen müssen.

Gründen als Herausforderung – Trotz Förderung ein großer Schritt

Janika Kemmerer (energieheld): Wie sind Sie zum Gründerinnen Consult gekommen?

Isabelle Beier (IT-Industrial):  In meiner Anfangszeit als Freiberuflerin hatte ich bei HannoverImpuls an einer Schulungsreihe aus dem Bereich der Gründerwerkstatt „Fit4Chef“ teilgenommen. Dort wurde ich auf den niedersächsischen Unternehmerinnen-Kongress aufmerksam, an welchem ich schließlich auch teilnahm.

Als dann speziell für MINT-Gründerinnen Beratungen und Workshops angeboten wurden, habe ich diese Angebote konkret nutzen können. So konnte ich beispielsweise 2016 beim Meetup „Frauen in der Technologiebranche“ teilnehmen und gute Kontakte knüpfen.

Janika Kemmerer (energieheld): Welche Vorteile hat Ihnen das Gründerinnen Consult für Ihr Unternehmen geboten?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Dank des Gründerinnen Consult konnte ich ein gutes Netzwerk zu Gleichgesinnten, aufbauen, an zielorientierten Schulungen teilnehmen und bekam konkrete Hilfestellungen bei speziellen Fragestellungen im Bereich Steuern/Recht.

Janika Kemmerer (energieheld): Wo sehen Sie die größten Hürden bei der Gründung?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Die Finanzierung ist sicherlich bei reinen Wissensarbeitern im Bereich der Software-Entwicklung besonders schwierig. Die wesentliche Investition ist gutes Personal und kein Anlagengut wie in klassischen Unternehmen, sodass aus Sicht der Banken keine materiellen Sicherheiten vorhanden sind. Ich finanziere komplett aus Eigenkapital, was zwar die Wachstumsschritte einschränkt, aber auch Unabhängigkeit und Stabilität bei Problemen maximiert.

Fachkräftemangel ist sicherlich auch ein zunehmendes Problem für Gründer, denn auch als Gründer bekommt man hochqualifizierte Mitarbeiter nur für ein branchenübliches Gehalt und auch das Risiko bei einem neu gegründeten Arbeitgeber ist aus Mitarbeitersicht viel größer.

Mein größtes Problem war die Suche nach geeigneten Geschäftsräumen. Ich wohne in einem sehr ländlichen Gebiet, das neben der Landwirtschaft vom Tourismus geprägt ist, sodass nur wenige potentielle Objekte zur Auswahl standen. Diese waren dann bei konkreter Prüfung der Umnutzung zu Gewerbe (Büro/Schulung) mit der Gemeinde aufgrund des Bebauungsplans oder anderer Einschränkungen nicht geeignet. Die freien Flächen im nahen Industriegebiet standen nicht zu Verkauf und ein Unternehmenssitz in der entfernten Kernstadt war für mich keine Alternative.

Inzwischen habe ich einen Gewerbe-Leerstand gefunden und gekauft, der zur Zeit entsprechend saniert wird. Bei dem Objekt war die Zustimmung der Stadtverwaltung zur Umnutzung problemlos, sodass ich dieses Problem nach langer Zeit endlich lösen konnte.

Verschenktes Potential: Zu wenige Frauen gründen selbst

Für erfolgreiches Unternehmertum gibt es kein Lehrbuch und auch keinen Lehrgang, sondern es sind Erfahrungen, die man sammeln muss.

Janika Kemmerer (energieheld): Nur 15% aller Startups werden von Frauen gegründet (ZEIT online, 26.1.18). Haben Sie Tipps oder Vorschläge für junge Gründerinnen? Was hätten Sie selbst gerne vorher gewusst?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Ich bin grundsätzlich sehr risikoscheu, sodass für viele augenscheinlich der Schritt in die Selbständigkeit nicht unbedingt zu mir passt. Seit vielen Jahren habe ich nebenberuflich den Übernachtungsbetrieb meines Mannes geführt und organisiert. Nach meinem Erststudium der Elektrotechnik habe ich später berufsbegleitend BWL studiert. Ich war Abteilungsleiterin mit Managementzugehörigkeit bei meinem letzten Arbeitgeber, dann Freiberufler und jetzt geschäftsführender Gesellschafter der eigenen GmbH.

Für erfolgreiches Unternehmertum gibt es kein Lehrbuch und auch keinen Lehrgang, sondern es sind Erfahrungen, die man sammeln muss. Je mehr Erfahrung gesammelt wurde, desto kleiner wird das Risiko des Scheiterns und auch das bürokratische Monstrum wird über die Zeit überschaubar. Deshalb würde ich niemanden raten, von jetzt auf gleich komplett in die Selbstständigkeit zu starten.

Janika Kemmerer (energieheld): Im MINT-Bereich sind Frauen nach wie vorher weniger vertreten. So bleibt auch viel Potential ungenutzt. Was müsste sich ändern?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Gerade im MINT-Bereich erfolgt die akademische Ausbildung vielfach erst auf dem zweiten Bildungsweg, d.h. nach der Berufsausbildung in den klassischen Elektro- und Metallberufen der Industrie als auch des Handwerks. Diese Berufe sind bei den Mädchen nach der mittleren Reife oder dem Abitur nicht unbedingt attraktiv, da sie zum Teil auch mit körperlicher Arbeit verbunden sind. Außerdem sind kleinere Betriebe nicht unbedingt auf weibliche Azubis eingerichtet. Wenn deutlich mehr Mädchen die duale Ausbildung in den MINT-Berufen durchlaufen, würde es dementsprechend auch mehr Absolventinnen geben.

Digitale Holzverarbeitung: Zwischen Säge und Software

Technisch wie auch menschlich wird es in unserem Bereich niemals langweilig werden.

Janika Kemmerer (energieheld): Frau Beier, was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Beruf?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Die unterschiedlichen Menschen und Kulturen, auf die ich mich immer neu in unseren Projekten einstellen darf. Technisch wie auch menschlich wird es in unserem Bereich niemals langweilig werden.

Janika Kemmerer (energieheld): Gab es besonders schöne oder überraschende Momente bei der Unternehmensgründung?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Besonders schön ist es, dass unsere Kunden uns im Austausch mit anderen Firmen weiterempfehlen. Dies hat zur Folge,  dass wir trotz fehlender Werbung für unser Unternehmen immer mehr Anfragen bekommen, die wir inzwischen teilweise sogar ablehnen müssen.

Janika Kemmerer (energieheld): Sie erhalten unter anderem Aufträge von Möbelherstellern und schreiben Software für holzverarbeitende Maschinen. Haben Sie besonderes Interesse am Handwerk oder bestand einfach eine Nische, die Sie genutzt haben?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Ich hatte von Anfang an ein großes Interesse am Handwerk. Deshalb war für mich auch schon sehr früh klar, dass es mich beruflich in diese Branche verschlagen wird. Bereits vor meiner Selbstständigkeit konnte ich einen gewissen branchenweiten Bekanntheitsgrad erreichen, den ich dann auf meinen Weg in die Selbstständigkeit genutzt habe. 

© WohnblogAt / pixabay.com

Die Schreinerei der Zukunft 

Janika Kemmerer (energieheld): Was sind die Besonderheiten, wenn Sie Software für holzverarbeitende Maschinen entwickeln? Worauf achten Sie besonders?

Isabelle Beier (IT-Industrial): Wir können SPS und CNC Software nur sehr begrenzt am Schreibtisch testen und auch wenn es inzwischen Simulationsmöglichkeiten gibt, müssen die maschinennahen Lösungen vielfach vor Ort entwickelt oder zumindest in Betrieb genommen werden. Auch sicherheitsrelevante Themen müssen dann ständig bedacht werden.

Etwas anders ist es bei den Anbindungen von Maschinen und Anlagen an kundenseitige CAD/CAM-Systeme oder ERP-Systeme oder Lösungen im Bereich der Kennzeichnung und Identifizierung von Werkstücken sowie Datenerfassungssysteme für die Fertigungsüberwachung. Hier ist auch immer sehr viel Beratung nötig, um den Kunden dabei zu unterstützen, den für sich besten Prozess zu finden und zu implementieren.

Wir sind immer bemüht innerhalb langfristiger Projekte mit dem Kunden klare Arbeitspakete herauszuarbeiten, die in sich funktional sind und aus Kundensicht überschaubar und nutzbringend sind. Große Software-Projekte mit riesigen Pflichtenheften sind meistens viel zu statisch und gerade von kleineren Kunden ohne professionelle IT-Abteilung überhaupt nicht leistbar.

Janika Kemmerer (energieheld): Langfristig werden immer mehr Branchen auf Softwarelösungen angewiesen sein. Wo sehen Sie die Zukunft für Ihr Unternehmen?

Isabelle Beier (IT Industrial): Der Einsatz von CNC-Maschinen im Handwerk und auch im Bereich der Baumaterialien aus mineralischen Werkstoffen nimmt immer weiter zu, sodass auch die Notwendigkeit der Integration dieser Maschinen innerhalb der IT-Landschaft der Betriebe immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Aus unseren vielen Kundenprojekten in der Industrie und im Handwerk können wir auch immer wieder ableiten, was die Tendenzen für die breite Masse der kleineren Betriebe sind und da auch eigene Entwicklungen in den von den großen Anbietern am Markt vernachlässigten Nischen anbieten. Wir haben jetzt bereits einige Lösungen, wo die Kunden explizit vom Hersteller der Maschinen oder des ERP- bzw. CAD-Systems zu uns geschickt worden sind.

Bei uns steht Klasse und nicht Masse im Vordergrund, sodass wir nicht nach einem schnellen Wachstum streben.

Janika Kemmerer (energieheld): Liebe Frau Beier, herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Liebe Leserinnen und Leser,

in unserer zweiteiligen Serie über Gründerinnen haben wir Ihnen zwei Frauen vorgestellt, die im Gründerinnen Consult von Hannover Impuls bei der Selbstständigkeit unterstützt wurden.

Weibliche Gründerinnen sind nach wie vor selten und gerade im MINT- oder Handwerk-Bereich verschwindend gering. Das Potential für Wirtschaft und Technologie wird so nicht richtig ausgeschöpft und geht verloren. Auf der Website des Gründerinnen Consult erfahren Sie mehr zu aktuellen Veranstaltungen und Fördermöglichkeiten. Auf unserer Website erfahren Sie mehr zu unserer Handwerkersoftware „Hero“.

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