Markus Graebig Bei Energieheld Im Interview

Interview: Markus Graebig (TU Berlin)

In der Blog-Reihe energieheld fragtExperten antworten, interviewt energieheld regelmäßig Experten aus den verschiedensten Bereichen. Diverse wichtige Punkte zur Technik, zum alltäglichen Umgang mit Energie oder zur aktuellen energiepolitischen Lage werden angesprochen. Anschließend wird ein Ausblick auf Trends sowie Tipps gegeben, wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann. In der Interview-Reihe kommen Blogger, Politiker, Unternehmen, Prominente und viele mehr zu Wort.

Zu Gast: Markus Graebig von der TU Berlin

Markus Graebig hat sowohl ein Diplom in Elektrotechnik, als auch einen Masterabschluss in Engineering for Sustainable Development. Seit 2011 arbeitet Markus Graebig als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin). Dort forscht er zum Thema „Alleinstellungsmerkmale von Stadtwerken in der Energiewende“ und leitet das Projekt „SW-Agent“, für das die TU Berlin kürzlich als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen 2014/15“ geehrt wurde. „Das Projekt untersucht, welche neuen Geschäftsmodelle sich Stadtwerke erschließen können, um die Energiewende mitzugestalten und sich zugleich fit für ein verändertes Marktumfeld zu machen, in dem der energiemengenbasierte Verkauf von Strom und Gas eine immer geringere Rolle spielen wird.“ So die offizielle Beschreibung des Projektes. Zuvor war er als Unternehmensberater tätig.


Thema: Interessenentwicklung für Energiewende und Stadtwerke

„…Stadtwerke sind somit für die Mehrheit der Bundesbürger das Gesicht der Energiewirtschaft.“

energieheld: Hallo Herr Graebig, danke dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Zu Beginn eine Frage, die Sie bitte ganz spontan und kurz beantworten: Was fällt Ihnen zu den Begriffen Innovation, Energieeffizienz und Erneuerbare Energien ein?

Markus Graebig: Klingt stark nach einem Energiehelden, oder?!

energieheld: Da haben Sie recht, Herr Graebig. Was hat Sie dazu gebracht, sich mit der Energiewende und in dem Zusammenhang, mit den Alleinstellungsmerkmalen von Stadtwerken auseinanderzusetzen?

Markus Graebig: Stadtwerke sind seit einigen Jahren ziemlich stark in Mode. Nachdem sie kurz nach Beginn der Liberalisierung schon totgesagt wurden, gibt es nun einen regelrechten Rekommunalisierungstrend, also den Wunsch vieler Menschen nach kommunalen Stadtwerken. Da drängt sich die Frage auf, was denn ein solches kommunales Stadtwerk gegenüber anderen Energieversorgern auszeichnet – insbesondere in Zeiten der Energiewende. Stadtwerke stellen einen Anteil von etwa einem Zehntel an der deutschen Stromerzeugung und stehen damit nicht so sehr im Fokus der öffentlichen Energiewende-Diskussion, die sich ja vor allem um den Atomausstieg und die „Stromwende“ dreht. Die Domäne der Stadtwerke ist, neben den Verteilnetzen, der Strom-, Gas- und Wärmevertrieb, wo sie deutlich über 50 % Marktanteil haben. Die rund eintausend Stadtwerke sind somit für die Mehrheit der Bundesbürger das Gesicht der Energiewirtschaft.

energieheld: Inwieweit hängt Ihre ehemalige Tätigkeit als Unternehmensberater mit der Wahl ihres Forschungsthemas zusammen?

Markus Graebig: Es gibt durchaus Überschneidungen. Das Thema wird gerade durch seine hohe Aktualität und Praxisnähe spannend. Es freut uns, dass in den letzten Monaten ziemlich viele Energieversorger mit uns ins Gespräch getreten sind.


Thema: Kommunale Stadtwerke und ihre Aufgaben

„Stadtwerke [könnten] wichtige Treiber für Innovationen in den Kommunen sein.“

energieheld: Zu welchem Ergebnis sind Sie in Ihrer Studie zur Untersuchung energiepolitischer Motivationen unter Bürgermeistern gekommen?

Markus Graebig: Wir haben hierzu eine deutschlandweite Online-Befragung durchgeführt, für die wir alle Bürgermeister in Kommunen über 20.000 Einwohner und eine Stichprobe von Bürgermeistern in kleineren Kommunen angeschrieben haben. Dabei haben wir eine verblüffend hohe Antwortquote von über 15 % erzielt – ein Zeichen dafür, dass Energiepolitik auch auf kommunaler Ebene hoch auf der Agenda steht. Die Ergebnisse bestätigen eine klare Präferenz der Bürgermeister für kommunale Energieversorger. Offenkundig spielt dabei die Hoffnung auf Gewinnausschüttungen an die öffentlichen Kassen eine zentrale Rolle. Ebenso wichtig ist es den Befragten aber, durch den kommunalen Energieversorger Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung zu sichern und so etwas wie einen „verlängerten Arm der Stadtentwicklungspolitik“ zu pflegen. Das wichtigste strategische Handlungsfeld für ihren kommunalen Energieversorger sehen die Bürgermeister im Ausbau der erneuerbaren Energien, dicht gefolgt von dezentralen Lösungen wie Smart Home und Mikro-BHKW.

energieheld: Weshalb nimmt Ihrer Meinung nach die kommunalwirtschaftliche Bedeutung der Stadtwerke immer mehr zu? Inwiefern wird der Trend zur Rekommunalisierung deutlich?

Markus Graebig: Stadtwerke stehen für Kundennähe, Vertrauen und Verlässlichkeit. Das kommt gut an bei vielen Menschen, die die Energiewirtschaft als komplex und intransparent empfinden, großen Versorgern misstrauen und möglicher­weise ihre Vorauszahlungen bei bestimmten insolventen Stromdiscountern verloren haben. Gleichzeitig könnten Stadtwerke dank ihrer tiefen regionalen Verankerung und Vernetzung wichtige Treiber für Innovationen in den Kommunen sein – und zwar längst nicht nur bei der Dezentralisierung der Energiewirtschaft. Hierzu bedarf es aber strategischer Weichenstellungen und eines gewissen unternehmerischen Mutes, um neue Geschäftsfelder zu entwickeln, die sich jenseits des mengenbasierten Verkaufs von Strom und Gas ergeben können. Denken Sie beispielsweise an neue Mobilitätskonzepte, „Smart Home“ oder Anforderungen einer alternden Bevölkerung. Ob die kommunalwirtschaftliche Bedeutung der Stadtwerke also tatsächlich weiter zunimmt, wird davon abhängen, inwiefern die Stadtwerke ihre starke Ausgangsbasis nutzen und einen erfolgreichen Innovationspfad einschlagen.

Mit Blick auf den Netzbetrieb belegt unsere Befragung unter Bürgermeistern den Trend zur Rekommunalisierung, der sich auch in diversen Konzessionsverfahren bestätigt. Besonders prominente Beispiele sind Hamburg und Stuttgart, und man darf mit Spannung abwarten, wie das aktuelle Verfahren in Berlin ausgeht. Ob eine Rekommunalisierung eine gute oder schlechte Idee ist, muss in jedem Einzelfall bewertet werden. Dabei ist es wichtig, sich über die Möglichkeiten und Grenzen politischer Gestaltung im hochregulierten Netzbereich klar  zu sein.

Eine Lupe steht als Symbol für Transparenz.

Mehr Transparenz soll bei kommunalen Stadtwerken geschaffen werden.
© OpenClip / pixabay

energieheld: Viele Verbraucher sprechen von fehlender Transparenz des Strommarktes. Wie kann man dort eine Lösung schaffen?

Markus Graebig: Das Gefühl fehlender Transparenz hat viel damit zu tun, dass Kunden sich von der Komplexität in der Energiewirtschaft überfordert fühlen und gleichzeitig den großen Energieversorgern misstrauen, deren Öffentlichkeitsarbeit in der Vergangenheit als sehr selbstgerecht und konservativ empfunden wurde. Stadtwerke haben hier einen Vorteil, weil sie gegenüber den „Großen Vier“ oftmals einen Glaubwürdigkeitsvorschuss genießen. Ein ganz wichtiger Schritt zur Lösung ist es, die Kunden als Partner ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu verstehen. Das klingt einigermaßen trivial, ist aber offenbar auch 16 Jahre nach Beginn der Liberalisierung noch immer nicht selbstverständlich. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Instrumenten gemacht, die in anderen Branchen längst etabliert sind: Kundenbefragungen, Kundenbeiräte, interaktive Angebote verschiedenster Art. Das baut Vorurteile ab und schafft gegenseitiges Verständnis. Leider fehlt es aber manchen Energieversorgern noch am Problembewusstsein, wenn sie glauben, sie hätten mit ihren detaillierten Rechnungen und Websites bereits perfekte Transparenz geschaffen. Solche Informationen sprechen oftmals nicht die Sprache der Kunden, und außerdem geht mit dem Wunsch nach Transparenz auch das Bedürfnis nach Partizipation einher. Das konnten wir mit unserer Begleitforschung zum Berliner Volksentscheid über „Stadtwerke-Gründung und Rekommunalisierung“ Ende 2013 klar nachweisen.

energieheld: Sie wurden 2014 beim Innovationswettbewerb der Standortinitiative Deutschland – Land der Ideen“ der  Bundesregierung und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) für das Projekt „SW-Agent – eine agentenbasierte Simulation der Interaktion und Akzeptanz der kommunalen Akteure“ ausgezeichnet. Können Sie uns etwas dazu erzählen. Was kann man sich darunter vorstellen und was sind die Ziele des SW-Agenten?

Markus Graebig: SW-Agent ist ein Verbundprojekt der TU Berlin, der Universität Hohenheim und mehrerer Praxispartner, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Das Projekt untersucht, welche neuen Geschäftsmodelle sich Stadtwerke erschließen können, um die Energiewende mitzugestalten und sich zugleich fit für ein verändertes Marktumfeld zu machen, in dem der energiemengenbasierte Verkauf von Strom und Gas eine immer geringere Rolle spielen wird. Neben konkreten Business Cases werden speziell die Interaktion der beteiligten kommunalen Akteure und die öffentliche Akzeptanz untersucht. Die umfangreichen empirischen Arbeiten – Befragungen von Geschäftsführern, Bürgermeistern und Kunden sowie Workshops mit Experten und Kunden – sind weitgehend abgeschlossen und werden in die Erstellung eines Computermodells münden, welches Einflüsse von Marktvariablen und politischen Rahmenbedingungen auf bestehende und neue Stadtwerksgeschäfte abbilden soll. Dabei kommt die agentenbasierte Modellierung zum Einsatz, welche auch das Projektakronym formt: SW-Agent – agentenbasierte Simulation von Stadtwerken.

energieheld: Auf der Website des Projekts kann man lesen, dass die TU Berlin die Vision hat, „Stadtwerke zu modernen Dienstleistern in ihren Regionen zu machen – mit Angeboten, die weit über den Verkauf von Strom und Gas hinausgehen und sich passgenau an den Bedürfnissen der jeweiligen Region orientieren.“ Was ist damit gemeint, wie sähe das konkret aus?

Markus Graebig: Wie schon angedeutet, liegt die große Stärke der Stadtwerke in ihrer hervorragenden regionalen Vernetzung, gepaart mit hoher Kompetenz im Infrastrukturbetrieb. Schon heute nutzen Stadtwerke diese Basis, um in ihren Kommunen Dienstleistungen in ganz verschiedenen Bereichen anzubieten – Wasserversorgung, öffentlicher Nahverkehr, Schwimmbäder, Parkhäuser und vieles mehr. Neue Bedürfnisse werden entstehen – sei dies in Form von Mieterstromanlagen, innovativen Mobilitätskonzepten, Wohnraumgestaltung oder vielem anderen mehr. Die Chance des Stadtwerks wird darin bestehen, für seine jeweilige Kommune den Bedarf an solchen neuen Dienstleistungen zu erkennen, maßgeschneiderte Konzepte zu entwickeln und sich nach wie vor als bevorzugten Partner der Stadtentwicklung anzubieten. Diese neuen Dienstleistungen müssen übrigens keineswegs zwangsläufig mit Energieversorgung zu tun haben.


Thema: Zukunft der Stadtwerke

„Ich glaube, die Branche steht mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess.“

energieheld: Wie wichtig ist die aktive Rolle von Stadtwerken bei der Gestaltung der Energiewende im Hinblick auf den Ausbau der Erneuerbaren Energien? Können Sie einen großen Teil beitragen? Als wie realistisch schätzen Sie dies ein?

Markus Graebig: Die erneuerbaren Energien bringen nicht nur eine technische, sondern auch eine eigentumsrechtliche Dezentralisierung der Energieversorgung mit sich. Das heißt, der größte Teil der Anlagen zur erneuerbaren Energieerzeugung befindet sich im Besitz von Privatpersonen, Landwirten und institutionellen Investoren. Nur ein kleiner Teil – Größenordnung 10 bis 15 % – befindet sich noch im Eigentum von Energieversorgern. Wir sollten daher die Rolle der Branche beim Ausbau der erneuerbaren Energien nicht überschätzen. Stadtwerke könnten aber sehr wohl eine wichtige Rolle bei der Markt- und Systemintegration der Erneuerbaren spielen, wenn sie sich rechtzeitig mit klugen Angeboten am Markt platzieren. Dazu gehören beispielsweise auch Konzepte zur Stromspeicherung.

energieheld: Und nun lassen Sie uns kurz ins Jahr 2035 blicken. Wie sehen Sie die Zukunft der Stadtwerke in 20 Jahren?

Markus Graebig: Ich glaube, die Branche steht mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Je nachdem, wie die anstehenden Weichenstellungen erfolgen, halte ich zwei Szenarien für denkbar: Wenn es Stadtwerken gelingt, sich abseits des bisherigen Kerngeschäfts zu erneuern, können sie ihre wichtige Rolle in den Kommunen behalten oder sogar ausbauen. Strom- und Gasversorgung wird es weiterhin geben, aber das Leistungsspektrum dürfte sich, wie eben beschrieben, bis 2035 deutlich verschieben. Wenn die Branche jedoch weiterhin in der „alten Welt“ verharrt – und solche Tendenzen deuten sich beispielsweise in mancher Diskussion um das künftige Strommarktdesign an – dann droht ihr das Los der amerikanischen Eisenbahngesellschaften. Diese zählten seinerzeit zu den mächtigsten Infrastrukturunternehmen in den USA, bis sie schließlich von der Erfindung des Automobils und des Flugzeugs kalt erwischt wurden. Es gibt heute, nach Jahrzehnten der Konsolidierung, noch immer Eisenbahngesellschaften in den USA, aber ihre Bedeutung ist massiv geschrumpft.


Thema: Tipps für einen nachhaltigen Alltag

„Achten Sie auf die ,versteckten Energieverbraucher‘.“

energieheld: Am Ende des Interviews in unserer Interview-Reihe, freuen wir uns immer über fünf Tipps für einen energiesparenden Alltag. Was sind Ihre Tipps?

Markus Graebig: Ich versuche einmal, mit drei Tipps auszukommen:

(1) Heizen und Kühlen gehören zu den besonders „energieintensiven Aufgaben“ im Haushalt. Vermeiden Sie beispielsweise unnötigen Warmwasserverbrauch und gewöhnen Sie sich im Winter an Pullover und Hausschuhe anstelle einer überheizten Wohnung.

(2)  Achten Sie auf die „versteckten Energieverbraucher“: viele alltägliche Produkte sind extrem energieintensiv in der Herstellung oder im Transport. Ich habe deshalb Aluminiumfolie aus meiner Küche verbannt, und ich bevorzuge saisonales Obst und Gemüse aus regionalem Anbau.

(3) Ein bewussterer Umgang mit Energie ist der erste Schritt zum Energiesparen. Ein Beispiel: Wenn ich mit dem Auto zum Büro fahre, beobachte ich immer die Anzeige des Durchschnittsverbrauchs und versuche durch vorausschauende Fahrweise, meine persönlichen Bestmarken zu unterbieten. Das ist ein schönes Energiesparspiel im Alltag. Suchen Sie sich Ihre eigene „Energiespar-Mission“, in der Sie gegen sich selbst oder gegen Freunde antreten.

energieheld: Lieber Herr Graebig, haben Sie vielen Dank!

energieheld fragt experten antworten


Fazit

Liebe Leserinnen und Leser,

in Zeiten der Energiewende verändern sich die Anforderungen an die Stadtwerke. Markus Graebig betont ihre Aufgabenverschiebung. Sie werden künftig nicht mehr nur Energieversorger sein, das bedeutet, sie werden nicht mehr ausschließlich zum Verkauf von Gas und Strom dienen, sondern immer mehr für Innovation stehen. Vor allem die kommunalen Stadtwerke erleben eine Trendwende. Sie überzeugen mit Glaubwürdigkeit und mehr Transparenz, um sich von den Energieriesen abzuheben. Auch wir bei energieheld haben schon Erfahrung mit der Serviceerweiterung von Stadtwerken gemacht. So hat beispielsweise die Rheinische Energie AG unseren energiecheck eingebunden.

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Helen Bielek

Für die Energiewende - bei energieheld kann ich etwas bewegen.