Interview mit dem BMUB

Interview mit dem BMUB
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energieheld interviewt bmub

In regelmäßigen Abständen interviewt energieheld, Experten aus den verschiedensten Bereichen der Energiebranche. Diverse wichtige Punkte zur aktuellen energiepolitischen Lage werden angesprochen, ein Ausblick auf Trends wird gegeben, Tipps wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann und jeweils zum Ende hin wird ein Fazit mit den wichtigsten und spannendsten Erkenntnissen aufgezeigt.

Zu Gast: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB)

Das Bundesministerium existiert seit über 25 Jahren und befasst sich mit den Themen Umwelt, Strahlung, schonender Umgang mit Rohstoffen, Klimaschutz und dem Schutz von Tier- und Pflanzenarten. Seit 2013 beschäftigt sich das Ministerium zusätzlich mit Stadtentwicklung, Wohnen, ländlicher Infrastruktur, öffentlichem Baurecht, Bauwesen, Bauwirtschaft und Bundesbauten. Vier Punkte sind dabei zentrale Arbeitsgrundsätze. Erstens, die Vorbereitung gesetzlicher Regelungen und damit verbunden, die Umsetzung von EU-Richtlinien in nationales Recht. Zweitens, unterstützt das Ministerium finanziell Forschung und Entwicklung von innovativen Technologien, sowie Projekte von Verbänden, Unternehmen und Kommunen. Drittens, koordiniert das Ministerium die Zusammenarbeit auf nationaler (mit einzelnen Bundesländern) und internationaler Ebene (EU und UN). Viertens, sind begleitende kommunikative Maßnahmen zur aktuellen Information der Bürger, zum Zwecke einer breiten Beteiligung Aufgabe des Ministeriums.

Das Interview führten wir mit Michael Schroeren. Herr Schroeren (Bündnis 90/Die Grünen) ist Sprecher der Ministerin und Leiter des Presse- und Informationsstabes.


Thema: Energiewende in Deutschland

„Die Geschwindigkeit, mit der die Erneuerbaren vor allem in den letzten Jahren ausgebaut wurden, war deutlich höher als alle Experten prognostiziert hatten.“

energieheld: Guten Tag Herr Schroeren, vielen Dank, dass Sie sich im Namen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit Zeit genommen haben unsere Fragen zu beantworten. Die erste Frage: Was sind für Sie, die wichtigsten Faktoren einer erfolgreichen Energiewende? Gerät die Energiewende in Deutschland seit der Großen Koalition ins Stocken?

BMUB: Die Energiewende wird dann zum Erfolg, wenn es uns gelingt, aus der Kernenergie auszusteigen, effizienter mit Energie umzugehen, eine wirklich klimafreundliche Energieversorgung auf den Weg zu bringen und gleichzeitig die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen für nachhaltiges Wachstum und Versorgungssicherheit. Auf diesem Weg haben wir in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt. Deshalb kann ich nicht erkennen, warum die Energiewende ins Stocken geraten sein sollte – im Gegenteil. Die Geschwindigkeit, mit der die Erneuerbaren vor allem in den letzten Jahren ausgebaut wurden, war deutlich höher als alle Experten prognostiziert hatten. Auch bei einer anderen zentralen Stellschraube der Energiewende kommen wir gut voran: Wir arbeiten an einer raschen und nachhaltigen Reform des EU-Emissionshandels. Denn Klimaschutz muss sich sowohl bei der Erzeugung als auch beim Verbrauch und Einsatz von Energie wirtschaftlich lohnen. Wir setzen uns in der Europäischen Union dafür ein, dass sich die EU ehrgeizige Ziele setzt und wir gehen entschieden voran, damit sie erreicht werden.


Thema: Investitionen in die Forschung

„Das EEG hat einen Markt geschaffen, der zu immensen Forschungsanstrengungen der Industrie geführt hat.“

energieheld: Sind die Gelder für die Energiewende gerecht verteilt? Ist das Verhältnis zwischen Forschung und Subvention noch ausgeglichen? Stephan Reimelt sagt im Interview mit ZEIT ONLINE (13. April 2014), dass lediglich 200 Millionen Euro für Forschung ausgegeben werden, im Gegenzug aber die Erzeugung regenerativer Kilowattstunden mit 20 Milliarden Euro subventioniert wird.

BMUB: Natürlich brauchen wir angemessene Investitionen in die Forschung. Aber es gibt ja nicht nur die staatliche finanzierte Grundlagenforschung. Der größte Teil der Forschung erfolgt in Deutschland durch private Unternehmen, die mit neuen Produkten und Verfahren Geld verdienen wollen. Das ist ja auch der Charme unserer Ökostromförderung: Das EEG hat einen Markt geschaffen, der zu immensen Forschungsanstrengungen der Industrie geführt hat. Mit der Anschubfinanzierung für die erneuerbaren Energien haben wir eine Entwicklung ermöglicht, von der wir bereits heute profitieren. Die Erzeugerpreise für Strom aus PV-Anlagen sind in den letzten Jahren deutlich gesunken. Aber noch mehr: Im Jahr 2012 hat Deutschland durch den kombinierten Einsatz von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz bereits 36 Mrd. Euro an fossilen Brennstoffkosten eingespart. Gleichzeitig machen wir uns unabhängiger von internationalen Öl- und Gasimporten, entwickeln neue Technologien und schaffen neue Wachstumsbranchen mit neuen Arbeitsplätzen. Das zeigt, wie erfolgreich die Förderung erneuerbarer Energien in den vergangenen Jahren gewesen ist.


schroeren-presse-bmub

Pressesprecher Michael Schroeren vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

Thema: Europäische Energiestrategie

„Das Ziel, die Energieeffizienz um 20 Prozent zu steigern, wird nach aktuellen Prognosen wohl knapp verfehlt.“

energieheld: Im Jahr 2007 wurde im Rahmen einer europäischen Energiestrategie vereinbart, bis 2020 eine EU-weite Verringerung der Treibhausgasemission um 20%, gegenüber dem Basisjahr 1990, zu verwirklichen. Eines der wichtigsten Aktionsfelder, um die angestrebte Reduktion zu erreichen, sind die Steigerung der Energieeffizienz, durch Reduzierung des Wärmebedarfs, und die Förderung der Energieträger aus erneuerbaren Quellen. Was ist passiert? Konnte das ehrgeizige Ziel umgesetzt werden?

BMUB: Ob diese Ziele erreicht, verfehlt oder sogar übererfüllt werden, kann bisher natürlich nur prognostiziert werden. Aber die Zwischenbilanz fällt positiv aus. Die EU wird ihr Klimaschutzziel von 20 Prozent für 2020 voraussichtlich erreichen. Die Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union sind bereits bis zum Jahr 2012 um 18 % gegenüber 1990 gesunken. Bis zum Jahr 2020 werden sie voraussichtlich um 24 % gegenüber 1990 sinken, sofern die bisher ergriffenen Maßnahmen beibehalten werden. Das Ziel, die Energieeffizienz um 20 Prozent zu steigern, wird nach aktuellen Prognosen wohl knapp verfehlt. Die EU-Kommission geht davon aus, dass die Mitgliedstaaten ihren Primärenergiebedarf bis 2020 um 18-19% gegenüber der prognostizierten Entwicklung reduzieren können. Beim dritten Ziel wiederum, 20 Prozent Anteil für erneuerbare Energien, liegt die EU nach Prognosen der Kommission auf Kurs. Jetzt kommt es aber darauf an, dass wir diesen Weg weiter gehen. Darum werben wir in Brüssel für ambitionierte Ziele für 2030 – und zwar in allen drei Bereichen, Klimaschutz, Energieffizienz und erneuerbare Energien.


Thema: energetische Gebäudesanierung

„Die zweifellos größeren Potenziale lassen sich durch Investitionen in den vorhandenen Gebäudebestand erschließen.“

energieheld: Werden Eigenheimbesitzer ausreichend unterstützt? Könnte durch eine höhere Unterstützung, zum Beispiel im Bereich energetische Gebäudesanierung, die Energie nicht viel effizienter eingesetzt werden? Wird es hier in den nächsten Jahren Änderungen geben?

BMUB: Gut gedämmte Gebäude und effiziente Anlagen zur Raumheizung und Warmwasserbereitung senken den Energieverbrauch und zugleich die CO2-Emissionen. Für die Errichtung neuer Gebäude gelten deshalb anspruchsvolle Standards. Aber nur ein kleiner Teil unseres Bedarfs an Wohnungen wird durch Neubauten gedeckt. Die zweifellos größeren Potenziale lassen sich durch Investitionen in den vorhandenen Gebäudebestand erschließen. Diese Investitionen zahlen sich unter anderem durch niedrigere Heizkosten aus. Die Bundesregierung fördert mit dem CO2-Gebäudesanierungsprogramm den Neubau von hocheffizienten Wohnungen und die Sanierung im Bestand. Seit 2006 wurden die energieeffiziente Sanierung oder Errichtung von über 3,5 Millionen Wohnungen durch die Förderung unterstützt. Der Koalitionsvertrag sieht eine Aufstockung, Verstetigung und Vereinfachung der Förderprogramme vor.

energieheld: Der Anteil, der in Deutschland jährlich energetisch sanierten Außenwände von Wohngebäuden beträgt, nach Angaben der DIW 2011 (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), gegenwärtig etwa 0,8 Prozent. Ziel der Regierung ist eine jährliche Sanierungsrate von 2 Prozent. Wird es hier in den nächsten Jahren zu Veränderungen kommen?

BMUB: Natürlich muss die Sanierungsrate deutlich gesteigert werden. Dafür gibt es das Gebäudesanierungsprogramm. Aber auch bessere Beratung kann helfen. Wir wollen die Gebäudesanierung unter anderem mit der Kampagne „Die Hauswende“ vorantreiben. Das ist die erste gewerkeübergreifende Sanierungskampagne aller beteiligten Akteure. Zielgruppe sind sanierungsinteressierte Hauseigentümer, die durch die Kampagne an eine fachkundige Beratung herangeführt werden sollen. Per Online-Suche können Verbraucher schnell und unkompliziert qualifizierte Energie-Experten in ihrer Nähe finden. Dabei wird die Energieeffizienz-Expertenliste für Bundesförderprogramme eingebunden, die der Qualitätssicherung dient. Bei dieser Kampagne stehen Beratung und Information im Fokus und nicht die Verkaufsinteressen der Hersteller.


Thema: Klimaschutzpolitik

„Zwischen 1990 und 2012 sind die Treibhausgasemissionen der EU um 18% gesunken, während die Wirtschaft im gleichen Zeitraum um rund 45% gewachsen ist.“

energieheld: Wie kann mit Hilfe der Energiewende das Know-How und die Technik in Deutschland geschaffen werden, um international wettbewerbsfähig zu bleiben?

BMUB: Klimaschutzpolitik und Energiewende haben in Deutschland weitreichende Anreize für Investitionen, Technologieentwicklung und Beschäftigung gesetzt. Durch global steigende Rohstoffkosten werden innovative, energieeffiziente Umwelttechnologien weltweit attraktiv. Der Weltmarkt wird in diesem Bereich bis 2025 um mehr als das Doppelte wachsen. Deutsche Unternehmen sind hier immer noch Weltmarktführer. Insbesondere in Mittelstand und Handwerk bestehen große Wachstumspotenziale. Hier entstehen die Arbeitsplätze von morgen. Studien gehen davon aus, dass die Zahl der Beschäftigten in der Umweltbranche binnen 10 Jahren um eine Million auf 2,4 Millionen im Jahr 2025 steigen wird. Europa hat in den letzten beiden Jahrzehnten klar gezeigt, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum kein Widerspruch sind. Zwischen 1990 und 2012 sind die Treibhausgasemissionen der EU um 18% gesunken, während die Wirtschaft im gleichen Zeitraum um rund 45% gewachsen ist. Europa ist es damit gelungen, Wirtschaftswachstum und Emissionen zu entkoppeln. Gleichzeitig ist die EU – und insbesondere Deutschland – zu einem Leitmarkt für Umwelttechnologien geworden. Als Vorreiter für nachhaltiges Wachstum werden wir diese Rolle auch künftig verteidigen.

energieheld: Lieber Herr Schroeren, vielen Dank für das Gespräch.


energieheld fragt experten antwortenFazit: BMUB-Interview

energieheld sprach mit dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit vor allem über die Energiewende in Deutschland und Europa. Wann ist die Energiewende erfolgreich? Wie passt wirtschaftliche Wachstumspolitik und Klimaschutz zusammen? Um die Energiewende in Europa steht es aktuell gut, so Herr Schroeren. Denn dank der Erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz konnten in Deutschland 36 Milliarden Euro fossile Brennstoffkosten eingespart werden. Die Zahl der in der Umweltbranche arbeitenden soll bis 2025 von bisher 1 Millionen auf 2,4 Millionen steigen, prognostiziert das BMUB. Und die Forschung? Hier setzt das Bundesministerium auf private Unternehmen. Diese finanzieren den größten Teil der Forschung. 

Liebe LeserInnen,

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Sebastian Zahn

Literatur, Redaktion und Energiewende - das sind meine Themen. Bei energieheld bin ich daher genau richtig.