Im Interview: Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt e.V.

Im Interview: Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt e.V.
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Verbraucherzentrale_SachsenAnhalt

In regelmäßigen Abständen interviewt energieheld, Experten aus den verschiedensten Bereichen der Energiebranche.

Diverse wichtige Punkte zur aktuellen energiepolitischen Lage werden angesprochen, ein Ausblick auf Trends wird geben, Tipps wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann und zum Ende hin ein Fazit mit den wichtigsten und spannendsten Erkenntnissen als Zusammenfassung.

Was macht die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt:
Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt e.V. bietet VerbraucherInnen gemeinnützige Beratung und Informationen zu Themen des privaten Konsums. Zusätzlich vertreten sie die Interessen der VerbraucherInnen im Raum Sachsen-Anhalt in dem sie sich öffentlich gegenüber der Politik positionieren. Schwerpunkt der Arbeit ist der wirtschaftliche und gesundheitliche Verbraucherschutz gegenüber Anbietern. Sie unterstützen den Verbraucher und leisten rechtlichen Beistand. In jedem Bundesland gibt es eine entsprechende Verbraucherzentrale.
Die Fragen dieses Interviews wurden von Frau Martina Angelus (Referentin Energie der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt) und von der Diplom-Ingenieurin Kerstin Spitz beantwortet. Die Antworten wurden uns per Mail zugesandt.


energieheld fragt – Experten antworten (Thema: Heiztechnik)

energieheld:
Einen schönen guten Tag Frau Angelus und Frau Spitz. Wir freuen uns, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Frau Angelus, wie viele Anfragen bekommen Sie im Jahr zum Thema energieeffizientes Wohnen? Wie praxisnah können Ihre Empfehlungen umgesetzt werden?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
2013 haben sich insgesamt 2629 Verbraucher in 36 Beratungsorten der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt beraten lassen. Dazu haben mehr als 500 Verbraucher einen unserer Energie-Checks in Anspruch genommen. 373 mal suchten unsere Energieberater Verbraucher auf, um deren Probleme vor Ort zu besprechen und detaillierte Empfehlungen zu geben. Bei den stationären Beratungen der Verbraucherzentrale bezogen sich ca. die Hälfte der Beratungstermine auf energieeffizientes Wohnen. 

Mehr als 80 % aller durchgeführten Detail-Checks (vor Ort Beratungen) hatten die energetische Gebäudesanierung zum Thema. Die Anfragen beinhalteten insbesondere Fragen zu Dämmmaßnahmen, Heizungserneuerung und auch Fördermittelberatung, die natürlich praxisnah umgesetzt werden können. Ob die Ratsuchenden im Anschluss tatsächlich mit der Sanierung begonnen haben können wir leider nicht erfassen.

energieheld:
Im Durchschnitt, wie viel kann der einzelne Haushalt durch energieeffizientes Wohnen an Geld einsparen und in sinnvolle Modernisierungsmaßnahmen investieren? Wie hoch schätzen Sie das Potential ein?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
Das kann man nur in einer Einzelfallbetrachtung seriös sagen. Aber unsere Experten decken bei den Energie-Checks in nahezu allen Haushalten Einsparmöglichkeiten durch verändertes Nutzerverhalten auf. So lässt sich der Strom- und Heizenergieverbrauch deutlich senken und eine vierköpfige Familie kann durchaus gut 500 € im Jahr einsparen. Beispiel: Ein durchschnittlicher Stromverbrauch von 10 Watt im Dauerbetrieb verursacht allein rund 24 Euro/Jahr an Stromkosten. Bereits ein Grad Temperaturabsenkung kann die Heizkosten um mehrere Prozent reduzieren. So lässt sich ohne Komfortverlust Geld sparen, das man später in größere Sanierungsmaßnahmen stecken kann.

Foto: fassadendämmung

Den größten Effekt erzielt man, wenn bei notwendigen Reparatur- oder Sanierungsmaßnahmen die energetische Sanierung mitgedacht wird und die richtige Reihenfolge der Maßnahmen beachtet wird – also Fassaden nicht einfach ausgebessert, sondern dabei gedämmt werden, Heizungsanlagen nicht einfach nur erneuert werden, sondern angepasst an den geringeren Wärmebedarf gegen moderne Brennwertheizungen inkl. energieeffizienter Hochleistungspumpen getauscht und zum Teil mit Solaranlagen zur Warmwasserbereitung und auch zur Heizungs-unterstützung ergänzt werden. Gut beraten ist, wer hierzu einen unabhängigen Energieberater zu Rate zieht, und sich die Wirtschaftlichkeit der geplanten Maßnahmen durchrechnen lässt.

energieheld:
Welche Elemente einer energieeffizienten Gebäudebeheizung sind besonders entscheidend um den momentanen Standards gerecht zu werden? Sind wir in Deutschland auf einem modernen Stand?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
Außer dem Heizgerät an sich ist natürlich die Pumpentechnik sehr wichtig. Mit den geregelten Hocheffizienzpumpen kann sehr viel Strom gespart werden. Die Stromkosten einer Hocheffizienzpumpe liegen im Jahr weit unter 20 Euro. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der hydraulische Abgleich zur Optimierung der Heizungsanlage. Die über die Verbraucherzentrale durchgeführten Brennwert¬checks belegen, dass viele Heizungsanlagen durch Fehleinstellungen nicht energieeffizient arbeiten. Reserven gibt es auch bei der ordnungsgemäßen Dämmung der Heizungsrohre. Hier geht noch unnötig viel Heizenergie verloren. Hier besteht noch großer Sanierungsbedarf- der zu dem wenig kostet.

energieheld:
Um die Umwelt zu schonen und Energie zu sparen, gibt es eine Reihe von gesetzlichen Regelungen für Hausbesitzer. In welchen Fällen wird die Sanierung des Hauses zur Pflicht?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
In der Energieeinsparverordnung (EnEV) ist in den §§ 9-11 geregelt, wie bei Sanierungen von Häusern zu verfahren ist:
Bei Änderungen und Erneuerungen von Außenbauteilen (Dach, Außenwände, Fenster, Kellerdecken usw.) ab einer bestimmten Größenordnung dürfen die Höchstwerte der Wärmedurchgangskoeffizienten nicht überschritten werden. Alternativ ist es ausreichend, dass der zulässige Jahres-Primärenergiebedarf und der Höchstwert der Transmissionswärmeverluste der Gebäudehülle um nicht mehr als 40% überschritten werden.

Es besteht die Pflicht, Heizungs- und Warmwasserrohre sowie Armaturen, die sich in unbeheizten Räumen befinden, ausreichend zu dämmen.
Weiterhin sind zugängliche, oberste Geschossdecken zu unbeheizten Dachräumen vorschriftsmäßig zu dämmen.
Zusätzlich gibt es die Verpflichtung zum Ersatz von mehr als 30 Jahre alten Heizkesseln, die mit flüssigen oder gasförmigen Brennstoffen betrieben werden. Davon ausgenommen sind Nieder-temperatur-Heizkessel oder Brennwertkessel.
Konkrete Festlegungen sind in der EnEV zu finden. Ausnahmen davon sind möglich, wenn die energetischen Sanierungsmaßnahmen nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand durchgeführt werden können.

energieheld:
Können sie uns fünf Tipps geben, woran man ein gutes und effektives Heizsystem erkennt? Worauf sollte man achten?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
1. Niedrige Vorlauftemperaturen < 38° durch Einsatz von Flächen- und/oder Strahlungs-heizungen
2. Einsatz von Hocheffizienzpumpen
3. Vermeidung von Zirkulationspumpen
4. Aufstellung der Heizung im beheizten Bereich
5. Einsatz von erneuerbaren Energien

energieheld:
Die Nutzung von natürlicher Wärme, z. B. durch Erd-Wärmepumpen, ist eine Alternative um sich gegen die wachsenden Strompreise zur Wehr zu setzen. Was meinen Sie, wie hoch muss der Verbrauch sein und wie lange muss die Wärmepumpe laufen, damit sich eine Anschaffung amortisiert?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
Grafik: ErdwärmepumpeDas hängt immer von der konkreten Situation des Gebäudes ab. Dazu empfiehlt es sich, eine Energieberatung durchführen zu lassen. Neben der Beratung in der Verbraucherzentrale kann auch eine, vom Bundesamt für Ausfuhrkontrolle (BAFA) gefördert Beratung, genutzt werden. Dabei werden mehrere Varianten für die energetische Sanierung durchgerechnet, inklusive einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung mit Amortisationsberechnung. Die Amortisationszeit sollte 10 Jahre-15 Jahre betragen.

energieheld:
Für wen lohnen sich kleine BHKWs? Wie groß muss die Leistungsfähigkeit mindestens sein, damit sich die Anschaffung lohnt? Was halten Sie in diesem Zusammenhang von einer Nachbarschaftskooperation?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
Auch hier sollte immer der Einzelfall betrachtet werden. Um die relativ hohen Investitionskosten auszugleichen, sollten durch möglichst lange Laufzeiten und der Integration eines Pufferspeichers eine günstige Taktung der BHKW-Module erzielt werden. Durch Auslegung des BHKW auf die Wärmegrundlast (ca. 30 % der Wärmehöchstlast) kann eine lange Laufzeit erreicht werden. Für die Abdeckung der Spitzenlast ist ein weiterer Heizkessel erforderlich. Bei einer Nachbarschaftskooperation, die einer Nahwärmeverteilung gleich kommt, könnte auf den Pufferspeicher verzichtet werden.

energieheld:
Können sie beide abschätzen, welche Entwicklungen uns in Bezug auf Heizungssysteme noch erwarten? Zeichnen sich bestimmte Trends ab?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
Aus unserer Sicht sollten verstärkt Wand- und Deckenheizungen installiert werden, die mit ihrer niedrigen Vorlauftemperatur einen geringen Energieverbrauch und angenehmes Raumklima gewährleisten. Diese Heizsysteme sind auch in Bestandsgebäuden, insbesondere bei Baudenkmalen sehr gut einsetzbar. Durch den Einsatz erneuerbarer Energien wird der Einbau von Eisspeichern auch für die Klimatisierung im Sommer interessant.

energieheld:
Was haben sie noch für Erfahrungen gemacht? In welchen Bereichen der Heiztechnik bestehen bei den Bürgen die größten Unsicherheiten? Halten Sie die Bürger für angemessen aufgeklärt? Gäbe es Verbesserungspotential?

Frau Angelus und Frau Spitz (Verbraucherzentrale):
In den stationären Beratungen habe ich schon mehrmals Bürger erlebt, die von Heizungsbauern nur einseitig beraten wurden. Z. B. führt der Einbau einer Brennwertheizung in einem unsanierten Haus oft zu Problemen im Winter. Die Heizkörper sind für die niedrigeren Vorlauftemperaturen zu klein. Infolgedessen werden die Räume nicht warm genug. Ähnlich verhält es sich mit Wärmepumpen, die in solchen Häuser nicht effektiv laufen. Die Häuser werden dann mit der elektrischen Zusatzheizung, also mit teurem Strom beheizt.

Ich kann nur immer wieder empfehlen, sich vor umfangreichen Sanierungsarbeiten von einem unabhängigen Fachmann umfassend beraten zu lassen.

Es sollte immer das gesamte Gebäude mit seiner Anlagentechnik betrachtet werden, um die optimale Lösung für genau dieses Gebäude zu bekommen.

energieheld:
Liebe Frau Angelus, liebe Frau Spitz vielen Dank für das Gespräch. Es ist immer wichtig unabhängige Meinungen zu hören und zu beachten.


Liebe Leser,

wenn Sie weitere Fragen oder Interesse an einer Sanierung haben, dann können Sie sich gerne auf unserem Portal informieren.

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Selbstverständlich können Sie uns auch persönlich kontaktieren. Wir beraten und informieren unabhängig von Marken und Herstellern zu den Themen der Gebäudesanierung.

Bildverzeichnis:
Fassadendämmung: © utoplec78 / shutterstock.com
Erdsonden | © www.fotolia.com

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Stephan Günther

"Für eine erfolgreiche Energie- und Wärmewende ist eine realistische und unabhängige Informationsbereitstellung wichtig. Bei Energieheld ist dies unser tägliches Bestreben."