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Interview- Axel Priebs, Umweltdezernent der Region Hannover

Interview- Axel Priebs, Umweltdezernent der Region Hannover
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energieheld interviewt regelmäßig Experten aus den verschiedensten Bereichen. Dieses Mal treten wir mit Prof. Dr. Axel Priebs in den Dialog. Der Umweltdezernent der Region Hannover gibt uns Auskunft zu diversen wichtigen Punkten.  Wir sprechen über alternative Stromgewinnung und die Probleme dabei.

Außerdem erfahren wir mehr über Axel Priebs Meinung zur Energieeffizienz der Gebäude in der Region Hannover und Niedersachsen. Abschließend wird ein Ausblick auf Trends sowie Tipps gegeben, wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann.

Heute im Interview – Prof. Dr. Axel Priebs, Umweltdezernent der Region Hannover

Prof. Dr. Axel Priebs ist seit 2001 Dezernent für Umwelt, Planung und Bauen der Region Hannover. In dieser Position ist er unter anderem mitverantwortlich für die Klimapolitik der Region Hannover. Neben dieser Tätigkeit ist Herr Priebs Honorarprofessor an der Universität Hannover.

Der Geograf promovierte 1989 an der Universität Kiel, war danach Stipendiat an der Uni Kopenhagen. Er begann seine Verwaltungskarriere 1991 als Leiter des Referats für Raumordnung in Bremen. Nach zwei Jahren in Berlin als Leiter der Arbeitsstelle der gemeinsamen Landesplanung Berlin/Brandenburg, kam er 1996 nach Hannover.

Themen in diesem Interview


energieheld: Hallo Herr Prof. Dr. Priebs, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für unser Interview nehmen.

Axel Priebs: Gerne, die Kommunikation des Themas Klimaschutz ist mir besonders wichtig.

Ökostrom und Energiegewinnung

energieheld: Niedersachsen produziert am meisten Ökostrom, aber Bayern kassiert am meisten Geld durch die Ökostromförderung. Wie kann das sein?

Axel Priebs (Region Hannover): Die Spitzenposition Bayerns liegt unter anderem daran, dass dort in der Vergangenheit insbesondere Photovoltaikanlagen gebaut wurden, für die im Durchschnitt am meisten Geld über die EEG-Vergütung gezahlt wird.

Niedersachsen ist bei der Erzeugung von Windkraft bundesweit Spitzenreiter, Windstrom wird im Durchschnitt jedoch weniger stark vergütet.

So haben die Regionsversammlung und der Rat der Stadt Hannover beschlossen, bis spätestens 2050 die Treibhausgas-Emissionen um 95 Prozent und den Endenergiebedarf um 50 Prozent gegenüber 1990 zu senken.

energieheld: Warum sind wir in Niedersachsen ein Vorreiter in Sachen Ökostrom und Klimawandel?

Priebs Interview: Ein Windpark in Niedersachsen

Ein Windpark in Niedersachsen

Axel Priebs (Region Hannover): Niedersachsen hat ein großes Potential für die Windenergiegewinnung. Auch haben sich viele Firmen in Niedersachsen angesiedelt, die das Thema vorantreiben.

Aber natürlich hat sich auch der politisch deutliche Stellenwert des Themas verändert.

energieheld: Auf welche Maßnahme für die Klimawende in Niedersachsen sind Sie besonders stolz?

Axel Priebs (Region Hannover) Ich freue mich sehr, dass fünf Vorreiter-Kommunen in Niedersachsen das Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 verfolgen – darunter auch Stadt und Region Hannover (Anm. d. Red.: außerdem Stadt Göttingen, sowie Stadt und Landkreis Osnabrück).

Seit 2012 verfolgen bundesweit 19 Kommunen das ambitionierte Ziel, klimaneutral zu werden. Sie sind als Gewinner des Wettbewerbs „Masterplan 100 % Klimaschutz“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit im Rahmen der Klimaschutzinitiative hervorgegangen.

Ein wichtiger Impuls zur landesweiten Vernetzung geht von der neu gegründeten Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen aus.

Durch die bereits 2001 gegründete Klimaschutzagentur Region Hannover, an der die Region als Gesellschafter beteiligt ist, konnten wir beim Gründungsprozess der landesweit agierenden Agentur Know-How und Erfahrung mit einbringen.

Das gilt insbesondere für die Umsetzung von Kampagnen zur Gebäudesanierung und zur Förderung erneuerbarer Energien.

Warum aber trotzdem nicht alles gut ist…

energieheld: Vor welchen speziellen Herausforderungen steht Niedersachsen?

Axel Priebs (Region Hannover): In Niedersachsen wird viel Energie gewonnen. Aktuell müssen wir einen Beitrag dazu leisten, diese auch in den Süden der Republik zu transportieren. Das ist nicht immer ohne Eingriffe in die Natur möglich.

Für den Südlink beispielsweise haben wir eine gute Lösung zur Erdverkabelung erreicht und ich halte es für sinnvoll, sich bei solchen Vorhaben an bestehenden Infrastrukturen wie z.B. Autobahnen zu orientieren. Da liegt noch viel Arbeit vor uns, auch Überzeugungsarbeit.

Der geplante Verlauf der Südlink-Trasse

Der geplante Verlauf der Südlink-Trasse

Auch durch erneuerbare Energien muss natürlich eine zuverlässige Stromversorgung für die Industrie sicher gestellt sein

energieheld: Welche Risiken sehen Sie bei einer zunehmenden Konzentration auf Ökostrom oder erneuerbare Energien in Niedersachsen?

Axel Priebs (Region Hannover): Auch durch erneuerbare Energien muss natürlich eine zuverlässige Stromversorgung für die Industrie sicher gestellt sein. Daran wird intensiv gearbeitet, aber zum Beispiel in Bezug auf Speichertechnologien stehen wir relativ am Anfang.

energieheld: Wie beurteilen Sie die Energieeffizienz der Gebäude in der Region Hannover und generell in Niedersachsen?

Axel Priebs (Region Hannover): Schon eine verlässliche Bestandsaufnahme ist da schwierig. Wir sehen sehr positive Beispiele in Bezug auf die Umsetzung von Energiestandards, die wir ja auch gezielt unterstützen.

So erfolgt die Errichtung von Neubauten im Verantwortungsbereich der Regionsverwaltung grundsätzlich im Passivhausstandard. Für Gebäudesanierungen der Region sind gebäudespezifische energetische Zielkennwerte festgelegt. Ganz sicher liegt in diesem Bereich aber landesweit noch ein gewaltiges Potential, das auch wirtschaftliche Chancen beinhaltet.

Welche Rolle kann energetische Gebäudesanierung spielen?

energieheld: Welches Potential sehen Sie in flächendeckenden Gebäudesanierungen für die Klimawende?

Vor allem die Beratung muss gefördert werden, da hier […] Eigenheimbesitzer durch eine Sanierung mittel- und langfristig profitieren.

Axel Priebs (Region Hannover): Die theoretisch erreichbare Energieeinsparung und CO2-Reduktion über Gebäudesanierung ist eine elementare Grundlage für den Erfolg der Klimawende und muss daher nach meiner Einschätzung auch in den nächsten Jahren Priorität haben.

Dies gilt sowohl für Wohngebäude als auch für gewerblich oder öffentlich genutzte Nichtwohngebäude.

energieheld: Muss Gebäudesanierung mehr gefördert werden um weitere Anreize für Eigenheimbesitzer zu schaffen?

Fassadendämmung ergibt durchaus Sinn

Eine ungedämmte Außenwand

Axel Priebs (Region Hannover): Vor allem die Beratung muss gefördert werden, da hier oft deutlich wird, dass z.B. Eigenheimbesitzer durch eine Sanierung mittel- und langfristig von Einsparungen profitieren.

energieheld: Welche Rolle sollte der Staat beim Fördern der Energie- und Klimawende einnehmen?

Axel Priebs (Region Hannover): Zuallererst eine informierende und aktivierende.

Aber es können auch verschiedene Marktanreize, insbesondere für neue Techniken und Verfahren, geschaffen werden.

Wenn der Klimawandel als globale Herausforderung wahrgenommen und entsprechend gehandelt wird, können wir erfolgreich sein.

energieheld: Was muss in Niedersachsen und der Region Hannover passieren, um den Klimawandel aufhalten zu können?

Axel Priebs (Region Hannover): Realistisch betrachtet wird diese Frage nicht nur in Niedersachsen und erst recht nicht allein in der Region Hannover entschieden.

Als Teil der westlichen Industrieländer müssen wir aber in unserem eigenen Verantwortungsbereich mit einem guten Beispiel vorangehen. Wenn der Klimawandel als globale Herausforderung wahrgenommen und entsprechend gehandelt wird, können wir erfolgreich sein.

energieheld: Blicken Sie doch mal für uns in die Zukunft. Wie sieht die Region Hannover und Niedersachsen in 100 Jahren aus?

Axel Priebs (Region Hannover): Eine Prognose für die nächsten 100 Jahre würde ich mir nicht zutrauen. Aber für das Jahr 2050, also in einem relativ überschaubaren Zeitraum von 34 Jahren, haben wir konkrete Ziele für eine klimaneutrale Region Hannover erarbeitet.

So haben die Regionsversammlung und der Rat der Stadt Hannover beschlossen, bis spätestens 2050 die Treibhausgas-Emissionen um 95 Prozent und den Endenergiebedarf um 50 Prozent gegenüber 1990 zu senken.

Das Ziel ist klar, doch die Umgestaltung einer gesamten Region nahezu zum Null-Emissionsgebiet kann nur gemeinsam gelingen: Alle – Verwaltung, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft – müssen ihren Beitrag leisten.

Wie Sie im Alltag zur Energiewende beitragen können

energieheld: Am Ende des Interviews freuen wir uns immer über drei bis fünf Tipps für einen energiesparenden Alltag. Was sind Ihre Tipps, Herr Priebs?

Axel Priebs (Region Hannover): Man muss ja aufpassen nicht belehrend zu wirken. Ich denke wenn wir alle unser alltägliches Handeln vor diesem Hintergrund betrachten, dann fällt uns schon einiges auf.

Ich persönlich versuche vor allem möglichst viel mit dem Rad zu fahren und das Auto stehen zu lassen. Aber auch öffentliche Verkehrsmittel sind eine klimafreundliche Alternative.

Der Kauf von saisonalen und regionalen Lebensmitteln ist ein weiterer Schritt für den Klimaschutz. Und natürlich gibt es vielfältige Möglichkeiten, bewusster mit dem Energieverbrauch umzugehen.


Liebe Leserinnen und Leser,

ich finde es großartig, dass sich Axel Priebs zu einem Interview mit energieheld bereit erklärt hat. So erlangen Sie und auch wir einen interessanten Einblick in die (kommunale) Energiepolitik. Herr Priebs macht deutlich, dass in Niedersachsen schon sehr viel getan wird für die Energiewende.

Nichtsdestotrotz ist es so, dass sicher nahezu überall noch mehr passieren könnte und vielleicht auch sollte. Wir sind auf einem guten Weg, aber der ist noch lange nicht vorbei. Es liegen einige Herausforderungen vor uns, die sicherlich viel Kompromissbereitschaft und Verhandlungsgeschick benötigen. Auch bei der Gebäudesanierung, ein Thema das uns natürlich besonders interessiert, passiert viel, aber vor allem der staatliche Sektor muss auf diesem Gebiet nachholen.

Es zeigt sich, dass dieser Weg der Richtige ist und auch in Zukunft weiter beschritten werden muss.


Bildnachweise:

Südlink – © OpenStreetMap-Motwirkende CC-BY-SA (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hvdc_s%C3%BCdlink_140120.png)
Windpark – © Philipp May CC-BY-SA (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Windpark-Wind-Farm.jpg)
Wärmebild – © Lutz Weidner / CC-BY-SA 2.0 (https://de.wikipedia.org/wiki/Thermografie#/media/File:Ungedaemmte_Aussenwand.jpg)

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