Interview: Prof. Dr. Rainer Grießhammer

Bild - Rainer Grießhammer

Prof. Dr. Rainer Grießhammer

In der Blog-Reihe energieheld fragtExperten antworten, interviewt energieheld regelmäßig Experten aus den verschiedensten Bereichen.

Diverse wichtige Punkte zur Technik, zum alltäglichen Umgang mit Energie oder zur aktuellen energiepolitischen Lage werden angesprochen. Anschließend wird ein Ausblick auf Trends sowie Tipps gegeben, wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann. In der Reihe kommen Blogger, Politiker, Unternehmen, Prominente und viele mehr zu Wort.

Zu Gast: Projektleiter Rainer Grießhammer

Prof. Dr. Rainer Grießhammer geb. 1953 ist Umweltschützer und stellvertretender Geschäftsführer des Freiburger Öko-Instituts. Herr Grießhammer ist aktuell Projektleiter der Seite transformation-des-energiesystems . Auf der Homepage werden die Forschungsergebnisse von 33 Forschungsvorhaben zur Energiewende sowie die begleitende wissenschaftliche Koordination kommuniziert. Die Koordination obliegt dem Öko-Institut e.V., Freiburg sowie dem ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt am Main.

Herr Grießhammer studierte Chemie in Freiburg und Tübingen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf nachhaltigem Konsum und auf nachhaltigen Produkten. Dafür hat sich Herr Grießhammer stark gemacht für produktbezogenen Klimaschutz (EcoTopTen), Produktpolitik (Produkt-Nachhaltigkeits-Analyse) und Labelling (Top 100 – Umweltzeichen für klimarelevante Produkte). Von 1992 bis 1994 war Herr Grießhammer Mitglied der Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“, im Bundestag. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Schriften. Seit Juli 2012 ist Herr Grießhammer Mitglied im Forschungsbeirat des Forschungszentrums „Verbraucher, Markt und Politik“ an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

energieheld: Hallo Herr Grießhammer, schön dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.

Rainer Grießhammer: Und umgekehrt. Energiehelden unterstütze ich gerne…

Thema: Stand der Energiewende heute

„Die Energiewende wird sich vor allem in drei Sektoren entscheiden“

energieheld: Sagen Sie, wo lässt sich die Energiewende aktuell verorten?

Rainer Grießhammer: Die Energiewende ist ein langfristiger Transformation Prozess. Dies sieht man allein schon am erforderlichen Umbau des Kraftwerkparks und der Sanierung des Gebäudebestands. Anders als viele denken hat die Energiewende nicht 2010 nach Fukushima begonnen, sondern viel früher – mit dem Strategieentwurf und Buch des Öko-Instituts. „Die Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“ aus dem Jahr 1980 (!), vielen Anti-AKW-Demonstrationen, lokalen Energiekonzepten, dem 100.000 Dächer-Programm und vielen anderen Aktivitäten mehr. Die Planungen für die Energiewende reichen bis 2050 und in insofern ist 2015 quasi Halbzeit!

energieheld: Welche Zukunftsthemen in Sachen Energiewende können Sie bereits skizzieren?

Rainer Grießhammer: Die Energiewende wird sich vor allem in drei Sektoren entscheiden: dem Stromsystem als Dreh- und Angelpunkt, dem Verkehrssektor (hohe Entwicklungsdynamik, starke Europäisierung, hohes Mobilisierungspotenzial) und dem Gebäudesektor (langlebiger Kapitalstock, nur mit hohem Aufwand adressierbar). Perspektivisch ist die Verknüpfung von Strom und Wärme und später vielleicht Mobilität interessant. Die Entscheidung über große Stromspeicher sollte und kann wegen unsicherer technischer Optionen noch hinausgeschoben werden. Neben reinen Stromspeichern sollte der Gebäudebereich mit Power-to-heat dabei eine größere Rolle spielen als power-to-gas .
Ansonsten wird leider Energiesparen und Energieeffizienz sträflich vernachlässigt. Das ist weniger eine Zukunftsaufgabe, als überfällig!

Öko-Institut LogoThema: Die Forschungsprojekte

„Tagespolitik und Forschung muss es immer parallel geben. Sonst geht die Tagespolitik der Zukunft in die Irre.“

energieheld: Sie koordinieren zusammen mit Herrn Prof. Dr. Matthias Bergmann vom ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt am Main die Kommunikation der aktuellen Ergebnisse aus der sozial-ökologischen Forschung zur Energiewende. Warum sind es genau 33 Projekte auf der Seite transformation-des-energiesystems, die vom Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) gefördert werden? Und vor allem, sollte man sich nicht erst einmal der Realisierung der gegenwärtigen Energiewende widmen?

Rainer Grießhammer: Die Projekte wurden im Rahmen eines ausgeschriebenen Programms vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) und dem Projektträger DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) genehmigt. Die Zahl 33 ist zufällig, es hätten im Namen des angesetzten Programm-Budgets auch mehr oder weniger Projekte sein können. Inhaltlich ist wichtig, dass sich die Projekte gemäß Ausschreibung vor allem mit Strom und Gebäude, sowie Partizipation und Governance der Energiewende befassen, dagegen nicht mit Mobilität, Landwirtschaft oder nachhaltigem Konsum. Dazu gab und gibt es andere BMBF-Programme.

Für die unmittelbaren Entscheidungen zur Realisierung von Energiewende und Klimaschutz sind BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) und BMUB (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) zuständig, wir koordinieren in dem Programm Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die vom BMBF gefördert werden. Tagespolitik und Forschung muss es immer parallel geben. Sonst geht die Tagespolitik der Zukunft in die Irre.

energieheld: Sie ordnen bei der Beschreibung der Forschungsprojekte die unterschiedlichen Forschungsvorhaben in Cluster ein. Das sind: 1. Bürger, Geschäftsmodelle und Co., 2. Entwicklungsoptionen, 3. Gebäude und Siedlungen, 4. Governance, 5. Partizipationsstrategien. Wie kann das gelingen? Welche Cluster spielen dabei vielleicht sogar eine Vorreiterrolle?

Rainer GrießhammerDie Koordination der 33 Projekte und der insgesamt fast 100 Teilprojekte ist wirklich eine Herausforderung. Inhaltlich wirken wir darauf hin, dass zentrale Fragestellungen gemeinsam diskutiert werden (auf den Cluster-Konferenzen und übergreifenden Synthesekonferenzen) und dass soweit möglich auch einheitliche Input-Daten und Annahmen genommen werden, z. B. zu den zukünftigen Energiepreisen oder zu Produktlebenszeiten. Und dann werden wir Querauswertungen zur Transformation und zu Partizipationsfragen vornehmen. Erfreulicherweise sind die Projekte selbst im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Autonomie an einer engen Zusammenarbeit interessiert.

energieheld: Welche Forschungsprojekte zur Transformation der Energiewende haben es Ihnen besonders angetan? Wir von energieheld sind natürlich besonders gespannt auf die Projekte im Bereich energetische Gebäudesanierung

Rainer Grießhammer: Wir wollen keine Auslobungen für die besten Projekte, sondern insgesamt möglichst gute und integrierte Ergebnisse. Die meisten der dreijährigen Projekte haben – auch entsprechend ihrer Zeitplanung – noch keine Zwischenergebnisse veröffentlicht. Aber gerade bei der energetischen Gebäudesanierung deuten sich wichtige Aussagen für die Politik an: dass die Klimaschutzziele bei der derzeitigen Sanierungsquote und –tiefe nicht erreicht werden und dass Erneuerbare Wärme eine wichtigere Rolle spielen muss. Oder dass die einheitliche und fast ausschließlich auf Einzelgebäude bezogenen Genehmigungs- und Förderpraxis im Hinblick auf Quartierskonzepte und wirtschaftlich sehr unterschiedliche Regionen überdacht werden sollte.

Der Klima-Knigge

Der Klima-Knigge von Rainer Grießhammer – Erschienen im aufbau Verlag

Thema: Ein anderes Energiesystem

„Die ambivalente Unterstützung durch die Bürger ist ein Problem: einerseits will man die Energiewende, andererseits soll sich im eigenen Umfeld möglich nichts ändern.“

energieheld: Wie lässt sich die Transformation des Energiesystems aktiv gestalten? Was unterscheidet diesen Reformprozess von anderen historischen/gesellschaftlichen Reformen?

Rainer GrießhammerWie bei den zwei industriellen Revolutionen geht es bei der Energiewende nicht mehr nur um Einzeloptimierungen, sondern um umwälzende Änderungen in Technik , Infrastruktur, Wirtschaft, Verhalten und Gesellschaft. Und natürlich um grundlegend andere Ziele als die im bisherigen etablierten Energiesystem. Ziele der Energiewende sind ja Klimaschutz, Reduktion des Energiebedarfs, Ausstieg aus der Atomenergie und den fossilen Energieträgern und weitestgehende Deckung des Energiebedarfs aus Erneuerbaren Energien. Allerdings kann die Energiewende – wie jede Transformation – nicht im Detail geplant werden – vor allem nicht im Hinblick auf künftige Technikoptionen wie etwa die Entwicklung großer Speicher. Politik hat hier eine doppelte Aufgabe: anstehende Entscheidungen wie etwa die Förderpraxis bei der Gebäudesanierung zügig und im Sinne der Ziele der Energiewende fortzuentwickeln und unsichere Optionen wie etwa die Speicherfrage so lange wie möglich offen zu halten. Im Zweifelsfall sollte sie sogar – wenn auch befristet – die Entwicklung konkurrierender Optionen fördern wie etwa die Brennstoffzellen-Autos UND die reinen Elektroautos.

energieheld: Welche Hürden erwarten Sie?

Rainer Grießhammer: Leider viele. Das bisherige Energiesystem ist ja vielfach etabliert – z.B. über Kraftwerke und Stromnetz, Unternehmen, Gesetze, Normen, Verträge, Gewohnheiten der Verbraucher. Und vor allem sind die großen Unternehmen potentielle Verlierer. Wenn die Klimaschutzziele wie geplant umgesetzt werden, dürfen mindestens 80% der fossilen Energieträger bzw. Reserven gar nicht mehr eingesetzt werden. Der Börsenwert der Unternehmen wird dadurch massiv sinken. Aber auch die ambivalente Unterstützung durch die Bürger ist ein Problem: einerseits will man die Energiewende, andererseits soll sich im eigenen Umfeld möglich nichts ändern. Das geht schon mal gar nicht.

Thema: Forschung und Wirkung

„Von den Projekten erwarten wir gerade im Bereich Governance Vorschläge, wie bei künftigen Fördermaßnahmen und Subventionen von vorneherein stufenweise Änderungen und Exit-Optionen eingeplant werden sollten“

energieheld: Im Interview mit Elektronik Praxis sagten Sie, „Da sich technologische Entwicklungen und Energiemärkte rasch wandeln, unterstützen wir die Projekte auch durch eine kontinuierliche Aufbereitung relevanter Informationen“. Wie können die Ergebnisse der Forschungsprojekte auf die Praxis, d. h. in Politik und Öffentlichkeit angewendet werden?

Rainer Grießhammer: Zuerst einmal sind das keine Beratungsprojekte, die auf unmittelbare Umsetzung angelegt sind, sondern Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die eher auf einen mittelfristigen Zeitraum zielen. Allerdings darf man bei Transformations-Projekten trotzdem erwarten, dass Zwischenergebnisse und wichtige Ergebnisse nicht erst nach Jahren in einer wissenschaftlichen Zeitschrift und nach dem üblichen zeitaufwendigen Peer-Review-Verfahren veröffentlicht werden, sondern zeitnah der Politik und Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Hierzu werden wir im Projekt eine Reihe von Transfer-Workshops mit Entscheidern durchführen, zum Beispiel mit der Wohnungswirtschaft, Kommunen oder zuständigen Abteilungen im BMUB.

energieheld: Können Sie durch das Projekt in Zukunft Fördermaßnahmen die in ihrer Wirkung längst ausgedient haben, wie z. B. die EEG-Umlage im vor hinein zeitlich terminieren?

Rainer Grießhammer: Das EEG war ja überaus erfolgreich bei den ursprünglichen Zielen: der massiven Kostensenkung bei den Gestehungskosten von Photovoltaik- und Windstrom und dem raschen Ausbau der Erneuerbaren Energien. Die Erneuerbaren müssen trotzdem weiter gefördert werden, allerdings müssen sich die Förderziele mehr in Richtung Systemintegration verschieben.
Von den Projekten erwarten wir gerade im Bereich Governance Vorschläge, wie bei künftigen Fördermaßnahmen und Subventionen von vorneherein stufenweise Änderungen und Exit-Optionen eingeplant werden sollten. Förderungen mit nahezu Ewigkeitscharakter wie etwa bei der Steinkohle oder der Atomenergie darf es in Zukunft nicht mehr geben. Und wie bei der Förderung jahrtausendlange Folgekosten vermieden werden können – Stichworte Endlager oder Abpumpen der im Bergbau.

Thema: Fünf Tipps

energieheld: Zum Ende etwas Persönliches – Sie setzen sich seit Jahren für einen bewussten Konsum ein. Geben Sie uns bitte fünf Tipps, wie ein nachhaltiger Einkauf gelingen kann.

Rainer Grießhammer: Ich beschränke mich auf Tipps im Bereich Energie:

  1. Neue Elektrogeräte erst nach Sichtung der Webseite ecotopten.de kaufen. Da sind die energieeffizientesten Produkte mit niedrigen Gesamtkosten (=Preis plus Betriebskosten) gelistet.
  2. Lieber eine flexible Dienstleistung kaufen – Carsharing oder ÖPNV/Bahn als ein eigenes Auto.
  3. 75% aller Wege sind statistisch unter 10 km. Also lieber ein Fahrrad oder ein Elektrofahrrad kaufen als ein Auto oder Elektroauto.
  4. Die schnellen und extrem kostensparenden Produkte zum Wärmesparen kaufen: automatische Thermostatventile, (Warm-)Wassersparende Armaturen, die Isolierungen hinter den Heizkörpern.
  5. Mal gar nichts kaufen, sondern überlegen, ob man die uralte von der Oma geerbte große Tiefkühltruhe im Keller wirklich noch braucht. Wenn nicht: raus damit. Das spart auf einen Schlag mehrere Hundert kWh Strom.

energieheld: Lieber Herr Grießhammer, vielen Dank für das Gespräch!


 

energieheld fragt experten antworten

Liebe LeserInnen, 

Forschung geht nicht an der Wirklichkeit vorbei, sondern hilft der Tagespolitik den Weg für zukünftiges Handeln abzustecken. So kann es durchaus sinnvoll sein, auch konkurrierende Optionen zu fördern – beispielsweise die parallele Entwicklung von Autos mit Brennstoffzellen und Elektroautos.  Prof. Dr. Rainer Grießhammer erklärt die Energiewende vor allem in den Sektoren Strom, Verkehr und Gebäude für entscheidend. Energieeffizienz als Thema ist längst überfällig und hat noch nicht die  öffentliche Aufmerksamkeit, die nötig wäre um  konkrete Veränderungen im Energieverbrauch herbeizuführen.

Die 33 Projekte mit den 100 Teilprojekten konnten bisher noch keine Zwischenergebnisse publizieren. Wir hoffen das wenige Scheitern und viele Projekte erfolgreich ihre Ergebnisse veröffentlichen werden, um Unternehmen wie Bürgern Möglichkeiten aufzuzeigen, wie gemeinsam ein anderes Energiesystem zu gestalten ist.  

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Sebastian Zahn

Literatur, Redaktion und Energiewende - das sind meine Themen. Bei energieheld bin ich daher genau richtig.