Bei Energieheld Im Interview: Geschäftsführer Der Deutschen Umwelthilfe E.V.

Interview: Sascha Müller-Kraenner, Deutsche Umwelthilfe e.V.

Interview: Sascha Müller-Kraenner, Deutsche Umwelthilfe e.V.
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In der Blog-Reihe energieheld fragtExperten antworten, interviewt energieheld regelmäßig Experten aus den verschiedensten Bereichen. Diverse wichtige Punkte zur Technik, zum alltäglichen Umgang mit Energie oder zur aktuellen energiepolitischen Lage werden angesprochen. Anschließend wird ein Ausblick auf Trends sowie Tipps gegeben, wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann. In der Interview-Reihe kommen Blogger, Politiker, Unternehmen, Prominente und viele Fachkundige mehr zu Wort.

Heute im Interview: Sascha Müller-Kraenner, Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH)

Sascha Müller-Kraenner ist seit Januar 2015 zusammen mit Jürgen Resch Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH). Der Diplombiologe ist seit mehreren Jahren in internationalen Gremien der Umweltpolitik tätig. Sein beruflicher Werdegang begann als Berater im Sächsischen Landtag. Nach unterschiedlichen Tätigkeiten beim Deutschen Naturschutzring (DNR) und der Heinrich-Böll-Stiftung, führte er seit 2007 die Europaprogrammleitung der internationalen Umweltorganisation The Nature Conservancy (TNC). Sascha Müller-Kraenner ist dazu noch Mitbegründer der transdisziplinären Organisation Ecologic Institut EU in Berlin, die seit 1995 Umweltforschung betreibt, Politikanalyse erstellt und beratend tätig ist.

Thema: Aufgaben und Ziele der Deutschen Umwelthilfe e.V.

„Drei Großbaustellen der Energiewende, die wir voranbringen wollen, sind der Netzausbau, der Einstieg in den Kohleausstieg und die Wärmewende.“

energieheld: Hallo Herr Müller-Kraenner, danke dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.  Sie sind seit Januar 2015 Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Die DUH bezeichnet sich auch als Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutzverband, das klingt nach viel Verantwortung. Was genau sind die Aufgaben der DUH?

Sascha Müller-KraennerDie Deutsche Umwelthilfe versteht sich als politischer Umwelt- und Verbraucherschutzverband. Wir arbeiten hauptsächlich in Deutschland, kooperieren aber auch mit unserem Netzwerk von Partnern innerhalb der EU und international. Eine unserer Hauptaufgaben sehen wir darin, dass politische Zielvorgaben und Gesetze nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch tatsächlich umgesetzt und durchgesetzt werden. Zum Beispiel helfen wir durch Instrumente des Verbraucherschutzes, der Marktüberwachung und – falls es nicht anders geht – auf dem Klageweg, dass europäische Energieeffizienz auch von deutschen Unternehmen und Händlern eingehalten wird. Natürlich setzen wir uns auch energisch dafür ein, dass diese Grenzwerte mit dem technischen Fortschritt weiter angepasst werden, so dass weitere Fortschritte im Klimaschutz erreicht werden können.

energieheld: Sie sind schon länger in der Umweltpolitik sehr aktiv. Zuletzt waren Sie für die Europaprogrammleitung der amerikanischen Umweltorganisation The Nature Conservancy verantwortlich. Wie ist es dazu gekommen, dass sie als Bundesgeschäftsführer zur DUH gekommen sind? Was hat Sie angespornt, diese Position anzutreten?

Sascha Müller-KraennerIn Deutschland und Europa warten viele Aufgaben auf eine Organisation wie die DUH. Die Energiewende tritt nun in die kritische Phase der Umsetzung. Viele praktische Probleme, wie die Anpassung der Energiemärkte an flexible Erneuerbare Energien und der dazu gehörende Netzausbau müssen im Dialog zwischen Bürgern, Politik und Wirtschaft gelöst werden. Genau diesen kritischen Fragen nimmt sich die DUH an. Auch die Vereinbarkeit der Erneuerbaren Energien mit dem Naturschutz, beispielsweise beim Ausbau der Offshore Windenergie, kann nur durch einen fachlich fundierten Dialog und nicht durch reine Blockadehaltung gelöst werden. Naturschutz und Energiewende müssen gemeinsam vorangebracht werden, beispielsweise durch Einsatz moderner Technik zum Lärmschutz bei der Verankerung von Offshore-Anlagen, oder der naturverträglichen Trassengestaltung im Netzausbau. Die DUH hat sich hier einen hervorragenden Ruf als fairer Makler zwischen den Interessen erarbeitet und war deswegen der perfekte Ort für mich, das große gesellschaftliche Transformationsprojekt Energiewende mit voranzubringen.

energieheld: Was haben Sie sich zu Beginn Ihrer Geschäftsführerzeit als Ziel gesetzt?

Sascha Müller-KraennerIn den ersten Monaten möchte ich unser Team nach innen und unserer wichtigsten Partner in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nach außen kennenlernen und von ihnen hören, wo sie die DUH heute und in fünf Jahren sehen. Stichworte, die ich dabei immer höre, sind das Bedürfnis nach politisch akzentuierten Positionen, nach der Arbeit in Netzwerken und nach einer starken europäischen Einbindung unserer Arbeit. Gerade im Umwelt- und Naturschutz, bei Projekten wie der Energiewende, wird die Welt nicht am deutschen Wesen genesen. Die Perspektiven unserer europäischen Nachbarn und Partner sind mir deswegen besonders wichtig.

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energieheld: Wie möchten Sie die deutsche Umweltpolitik voranbringen?

Sascha Müller-KraennerIn Deutschland blockieren mächtige wirtschaftliche Interessengruppen, und Teile der Politik, die sich als deren Sachverwalter verstehen, den umweltpolitischen Fortschritt und den Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor gesundheitlichen Belastungen. Beispiele dafür sind der Widerstand der mächtigen deutschen Autobranche gegen technisch schon lange mögliche niedrigere CO2-Werte, der Kampf gegen die Feinstaubbelastung und für die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Umweltzonen in unseren Großstädten, oder der Widerstand der Agrarlobby gegen strengere Grenzwerte für Stickstoff, der zum steten Artensterben beiträgt. Ich sehe die DUH als kämpferische Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation die es mit diesen mächtigen Interessen aufnimmt. Wir sind nicht gegen die Wirtschaft, sondern kooperieren mit den Gewinnern der ökologischen Modernisierung gegen die ewig gestrigen Blockierer.

energieheld: Könnten Sie uns eines Ihrer aktuellen Projekte zum Thema Energieeffizienz und Klimaschutz, das Ihnen sehr am Herzen liegt, kurz vorstellen?

Sascha Müller-KraennerDrei Großbaustellen der Energiewende, die wir voranbringen wollen, sind der Netzausbau, der Einstieg in den Kohleausstieg und die Wärmewende.

Der Netzausbau sorgt dafür, dass flexibel vorhandene Erneuerbare Energien jederzeit dort zur Anwendung kommen können, wo sie gebraucht werden. Wir engagieren uns dafür, den Ausbau der Netze im Sinne einer Politik des Gehörtwerdens im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern, und natürlich naturverträglich, zu gestalten.

Bei der Begrenzung der CO2-Emissionen und im Sinne des Klimaschutzes müssen die schmutzigsten Kohlekraftwerke in Deutschland, vor allem Kraftwerke auf Braunkohlebasis, möglichst bald vom Netz. Wir begleiten deswegen das Vorhaben der Bundesregierung für ein CO2-Begrenzungsgesetz kritisch und konstruktiv, um das Meiste für den Klimaschutz herauszuholen und langfristig die Grundlage für einen späteren nationalen Kohlekonsens zu schaffen.

Ohne eine konsequente Wärmewende lässt sich das deutsche Klimaschutzziel nicht erreichen. Vierzig Prozent der CO2-Emissionen kommen aus diesem Bereich. Vor allem das CO2-Sparpotenzial im Altbaubestand ist enorm.

Seit Kurzem ist Sascha Müller-Kraenner an der Spitze der DUH.

Sascha Müller-Kraenner ist ausgewiesener Experte in der Umwelt- und Klimapolitik.


Thema: Energetische Gebäudesanierung & deutsche Umweltpolitik

„Beispielsweise könnte die Abschaffung des „Mövenpick“-Steuerbonus für Hotelbesitzer die notwendigen Mittel freisetzen, […]“

energieheld: Besonders interessant für uns als Unterstützer der energetischen Gebäudesanierung ist die Stellung der DUH dazu. Aktuell fordern Sie ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zum Klimaschutz im Gebäudebereich. Was genau stellen Sie sich darunter vor?

Sascha Müller-KraennerDie DUH will Verbraucher und Investoren über die ökologisch und ökonomisch besten energetischen Gebäudesanierungsstrategien aufklären und die politischen Rahmenbedingungen für solche Investitionen verbessern. Hausbesitzer, ob von Eigenheimen oder großen Mietgebäuden, brauchen eine gute gesetzlich geregelte Energieberatung, die ihnen dabei hilft, zu entscheiden, welche Kombination technischer Maßnahmen im Bereich der Wärmedämmung, der Heizungsanlagen oder im Einsatz erneuerbarer Energien am sinnvollsten ist. Natürlich muss ein solches Angebot auch in den Geldbeutel des jeweiligen Hausbesitzers passen. Wichtig ist, dass auch finanzielle Förderinstrumente für Gebäude und Wohnquartiere mit niedriger wirtschaftlicher Rentabilität und auf Sozialbauten zur Verfügung stehen – nicht nur für finanziell potente Eigenheimbesitzer.

energieheld: Im letzten Koalitionsausschuss kam es zu keiner Einigung, wann der Steuerbonus für Haussanierer zum Einsatz kommen soll. In Ihrer kürzlich erschienen Pressemitteilung bezeichnen Sie Seehofer als „Bremser beim Klimaschutz“. Ursprünglich sollte die Entscheidung im Februar fallen. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund und vor allem die Auswirkung der Vertagung?

Sascha Müller-KraennerDer Steuerbonus für die energetische Gebäudesanierung hätte einen wichtigen Anreiz für private Hausbesitzer mit hoher Steuerlast  dargestellt, Investitionen in die Wärmedämmung oder andere sinnvolle Klimaschutzmaßnahmen am Bau zeitlich vorzuziehen. Wie so oft, ist diese sinnvolle Maßnahme an der Finanzierung gescheitert. Das zeigt den niedrigen Stellenwert, den der Klimaschutz in Teilen der Bundesregierung genießt. Beispielsweise könnte die Abschaffung des „Mövenpick“-Steuerbonus für Hotelbesitzer die notwendigen Mittel freisetzen, um die steuerliche Abschreibung der energetischen Gebäudesanierung endlich und dauerhaft gegenzufinanzieren.

energieheld: Sie äußern sich kritisch gegenüber des Nationalen Aktionsplans Energieeffizienz (NAPE) der Bundesregierung. Ihrer Meinung nach, wird es schwer fallen, mit diesem Plan die Energieeffizienzziele der Regierung zu erreichen. Welche Maßnahmen könnten Sie sich vorstellen, die ein Gelingen noch ermöglichen können?

Sascha Müller-KraennerNeben dem Gebäudebereich erhoffen wir uns Effizienzsprünge im gewerblichen Bereich oder auch im Verkehr. Für das produzierende Gewerbe und den Handel sind eine gute Energieberatung für die Verbesserung der betrieblichen Energiebilanz, und Contracting-Modelle, um wirtschaftlich erschließbare Effizienzpotenziale zu schöpfen das beste Angebot.

Der Verkehrsbereich ist die große Leerstelle dieser Bundesregierung. Hier möchte ich nur zwei wichtige Maßnahmen erwähnen: So muss die Autoindustrie durch strenge Kontrollen endlich dazu gezwungen werden, den Verbrauch ihrer Kraftfahrzeuge zu begrenzen und korrekt anzugeben. Durch die überfällige Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen würde ein Signal gegen die Übermotorisierung deutscher Autos gesetzt.

Mit einer besseren, und vor allem besser überwachten, Auszeichnung der Energieeffizienz von Produkten können auch die Verbraucher in die Lage versetzt werden, durch ihre Kaufentscheidung einen wichtigen Beitrag zur Durchsetzung effizienter Produkte zu leisten.

energieheld: Die Bundesregierung will laut NAPE jährlich eine Milliarde Euro zur Verfügung stellen. Reicht dieses Fördervolumen Ihrer Meinung nach aus?

Sascha Müller-KraennerGerade im Gebäudebereich rechnet die bundeseigene KfW-Entwicklungsbank damit, dass bis zum Jahr 2050 Investitionen in Alt- und Neubauten von insgesamt 840 Milliarden Euro fällig werden. Auch wenn Investitionen in den Klimaschutz hier nur einen Teilbetrag ausmachen, kann man heute schon sagen, dass die bisher im Bundeshaushalt veranschlagten Mittel dieses Ziel weit verfehlen werden. Viele Investitionen, beispielsweise im kommunalen Gebäudebestand oder für den Aufbau einer grünen IT-Infrastruktur, fallen bei Städten und Gemeinden an. Eine finanzielle Entlastung der Gemeinden hilft diesen deswegen auch, ihre Aufgaben im Klimaschutz besser wahrzunehmen. Andere wichtige Maßnahmen, beispielsweise der Ausbau der Energieberatung kosten wenig, haben aber einen großen Effekt auf Unternehmen und Verbraucher, die auf dieser Grundlage bessere und klimafreundlichere Investitionen und Anschaffungen tätigen können. Klimaschutz kostet nicht immer viel Geld, muss aber grundsätzlich erst einmal gewollt werden.

energieheld: Die Deutsche Umwelthilfe hat gemeinsam mit den Naturfreunden Deutschlands e.V. und dem Deutschen Naturschutzring (DNR) 2013 eine „Charta zur sozial gerechten Energiewende“ erstellt. Was haben Sie da konkret als wichtigste Punkte festgehalten? Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Sascha Müller-KraennerDie Energiewende wird nur dann erfolgreich, wenn sie sozial gerecht ausgestaltet und vor allem so empfunden wird. Deswegen ist uns Umweltverbänden der kontinuierliche Dialog mit den großen sozialen Wohlfahrtsverbänden so wichtig. Die Charta bietet dafür eine gemeinsame Verständigung.


Thema: Tipps für einen nachhaltigen Alltag

„Informieren Sie sich […] über die für ihr Wohngebäude sinnvollsten Methoden der energetischen Sanierung“

energieheld: Am Ende des Interviews freuen wir uns immer über drei bis fünf Tipps für einen energiesparenden Alltag. Was sind Ihre Tipps?

Sascha Müller-KraennerKaufen Sie energieeffiziente Haushaltsgeräte und achten Sie auch beim Kauf von PCs, Monitoren und anderen IT-Geräten auf den gekennzeichneten Stromverbrauch. Nutzen sie den Stromsparschalter für Elektrogeräte, die sonst in der Stand-by-Funktion auch dann Energie verbrauchen, wenn Sie nicht in Gebrauch sind. Informieren Sie sich als Hausbesitzer, Mitglied einer Hausgemeinschaft oder Mieter über die für ihr Wohngebäude sinnvollsten Methoden der energetischen Sanierung – und lassen Sie sich auf jeden Fall gut von einer unabhängigen Stelle, wie den Verbraucherzentralen beraten.

energieheld: Lieber Herr Müller-Kraenner, haben Sie vielen Dank!

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Fazit

Liebe Leserinnen und Leser,

die Diskussion um den im Koalitionsausschuss immer wieder verschobenen Steuerbonus für Haussanierer hält an. Kürzlich sprach die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Kritik daran aus. Wir von energieheld fragten dazu genauer beim Bundesgeschäftsführer der DUH, Sascha Müller-Kraenner, nach.  Es freut uns, mit wie viel Elan sich die Deutsche Umwelthilfe für die Energiewende stark macht und wie sehr sie sich neben ihrer anderen Projekte für die energetische Sanierung einsetzt. Steuerliche Absetzbarkeit kann eine Maßnahme sein, Hausbesitzer zu einer energetischen Sanierung ihres Hauses zu motivieren, dennoch sollte die Motivation für eine energetische Sanierung auch aus Überzeugung etwas zur Nachhaltigkeit und zur Energiewende beigesteuert zu haben, geschehen.

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Helen Bielek

Für die Energiewende - bei energieheld kann ich etwas bewegen.