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Die eigene Chefin werden – Gründerinnen

Existenzgründungsunterstützung durch Gründerinnen-Consult

Der Traum vom eigenen Betrieb scheitert oft nicht an der guten Idee, sondern den äußeren Umständen. So sind die Rahmenbedingungen der Selbstständigkeit für Männer oft besser geeignet als für Frauen. 

Herausforderungen, wie die finanzielle Unsicherheit oder Kreditaufnahme und Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen dazu, dass der Frauenanteil bei Unternehmensgründung 2016 bei 40 Prozent lag (KfW-Startup-Monitor 2017). Bei Startups aus dem MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) fällt der Anteil der Gründerinnen sogar auf 15 Prozent ab (Deutscher Startup-Monitor 2017).  

Das EU-geförderte Projekt Gründerinnen-Consult (GC), angesiedelt bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft hannoverimpuls, fördert gezielt Frauen bei der Existenzgründung und begleitet sie von der ersten Geschäftsidee bis zum fertigen Business-Plan. Persönliche Beratung und Coaching, Qualifizierung auf Workshops, Seminaren und Vorträgen zu gründungsrelevanten Themen (Steuern, Recht, Finanzierung, etc.) und die Vernetzung der Gründerinnen, sollen die Hürden zur Selbstständigkeit abbauen. Die Herausforderungen von Gründerinnen im MINT-Bereich sind dabei besonders durchhohe Investitionskosten und Komplexität sowie die Notwendigkeit, sich in männerdominierten Branchen durchsetzen zu müssen, geprägt. Gründerinnen-Consult bietet hier spezielle Beratungsangebote zur Unterstützung von  MINT-Gründerinnen und fördert den Netzwerkaufbau u.a. mit Veranstaltungen wie dem Gründerinnentag am 04. April 2018.

Finanziert wird das Projekt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) im Rahmen des F.I.F.A.-Landesprogrammes (Förderung von Frauen zur Integration in den Arbeitsmarkt), der Landeshauptstadt Hannover und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft hannoverimpuls GmbH.

Julia Schwab – Gründerin von simficient

Die Unterstützung des Gründerinnen-Consults hat auch Julia Schwab für die Gründung ihres eigenen Unternehmens simficient im MINT-Bereich genutzt. Wir haben im Interview mit ihr über Selbstständigkeit, Chancengleichheit und Digitalisierung gesprochen.

Darum gehts im Interview:

Der Gründungsprozess von der Idee bis zur Umsetzung

Lena Schwäcke (energieheld): Frau Schwab, wie verlief bei Ihnen der Prozess von der ersten Gründungsidee bis zur Selbstständigkeit?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Frau Schwäcke, vielen herzlichen Dank für die Einladung zum Interview. Die ersten Gedanken zur Selbstständigkeit kamen mir schon in der Schule. Dabei ging es noch nicht um eine konkrete Idee, sondern um das Leben als Selbstständige – eben selbstbestimmt. Seitdem war jeder Schritt eine Vorbereitung darauf. Das Studium der Wirtschaftsinformatik lieferte einen guten Mix an Wissen und praktischen Erfahrungen in den Bereichen Informatik, Betriebswirtschaft und Arbeitspsychologie. Die folgenden acht Jahre in einem Unternehmen brachten die notwendige Erfahrung in einer Leitungsposition (als IT-Abteilungsleiterin) und in der Unternehmensführung (als Gesellschafterin).

In der Zeit belegte ich einen Kurs zur Vorbereitung der Selbstständigkeit bei hannoverimpuls, las viel Literatur, Erfahrungsberichte und überlegte, womit ich mich selbständig machen kann. Drei Businesspläne später gründete ich simficient zuerst als Einzelunternehmen und wandelte es ein Jahr später in eine GmbH um. Inhaltlich ist es das geworden, was ich die acht Jahre davor gemacht habe – Geschäftsprozessautomatisierung.

Lena Schwäcke (energieheld): Was konnten Sie für sich aus dem Gründerinnen-Consult mitnehmen?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Sicherheit, dass mein Vorhaben realistisch geplant ist. Gerade den finanziellen Teil haben wir sehr gründlich durchgearbeitet, um in verschiedenen Szenarien handlungsfähig zu bleiben.

Erfolgreich Gründen: Wichtige Fähigkeiten und mögliche Probleme

Lena Schwäcke (energieheld): Die Selbstständigkeit ist für viele Arbeitnehmer ein großer Schritt. Was sollte man mitbringen?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Rückhalt und tatkräftige Hilfe von Familie und Freunden – meine Mutter kocht immer noch sehr gern für mich in stressigen Situationen; Disziplin, sich auch mit unliebsamen Tätigkeiten zu beschäftigen, zumindest vorerst – Buchhaltung lässt grüßen; Stärke, die Ungewissheit und Unsicherheit zu ertragen; einen Plan mit ganz konkreten Schritten fürs erste halbe Jahr.

Lena Schwäcke (energieheld): Wo liegen die größten Schwierigkeiten auf dem Weg zur Selbstständigkeit?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Das ist wohl für jeden Gründer anders. Die größte Schwierigkeit vor der Gründung war für mich der letzte Schritt, also das Kündigen der Arbeitsstelle und Anmelden der Selbstständigkeit. Das Gefühl der Sicherheit war erstmal weg und kam erst nach ein paar Monaten wieder. Als frischer Gründer – potentielle Kunden zu überzeugen. Die Fragen, die da kommen, sind: „Woher wissen wir, dass Sie erstens das Projekt stemmen werden und zweitens lange genug überleben, um uns ausreichenden Service zu bieten?“ Sehr berechtigte Fragen, auf die man eine Antwort parat haben muss.

Chancengleichheit in der Gründer-Branche?

Ich glaube, dass die Erfolgschancen unabhängig vom Geschlecht sind.

Lena Schwäcke (energieheld): 57 Prozent der Gründerinnen und 69 Prozent der Gründer meinen, dass ihre Erfolgschancen gleichverteilt sind (Bitkom Research 02.08.2017). Wie empfinden Sie die Chancengleichheit von Männern und Frauen bei der Gründung eines eigenen Unternehmens?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Ich glaube, dass die Erfolgschancen unabhängig vom Geschlecht sind. Sie hängen eher vom Typ und der Vorbereitungsarbeit ab, die man/frau geleistet hat. Ist man eher introvertiert, dann sucht man sich für den Vertrieb Verstärkung oder bereitet einen Vertriebskanal vor, der zum eigenen Typ passt. Kann man mit Buchhaltung nichts anfangen, lagert man diese so schnell wie möglich aus.

Lena Schwäcke (energieheld): Haben Sie Situationen erlebt, wo Ihre Arbeit nicht ernstgenommen wurde, weil Sie eine Frau sind?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Nicht nach meiner Gründung. Im Angestelltenverhältnis kam es ab und zu vor, vor allem am Anfang, kurz nach dem Ende des Studiums.

Lena Schwäcke (energieheld): Es gibt einen geringeren Frauenanteil im MINT-Bereich und vor allem in den Führungspositionen. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Darüber gibt es zahlreiche Studien und Meinungen. Ich vermute, es stimmt, dass es eine gewisse gesellschaftliche Vorprägung gibt, so dass als Folge Studienfächer und Ausbildungen im MINT-Bereich von vornherein von zu wenig Frauen gewählt werden. Was Führungspositionen angeht, ist meine eigene Erfahrung positiv gewesen. Ehemalige Studienkolleginnen, die in größeren Unternehmen auf der Karriereleiter nach oben unterwegs waren, berichten von großen Hindernissen, nachdem sie Mütter geworden und nach der Elternzeit in den Job zurückgekehrt sind. Das genaue Erforschen der Ursachen überlasse ich gern entsprechenden Studien. Grundsätzlich bin ich jedoch überzeugt, dass jemand, unabhängig vom Geschlecht, der oder die in eine Führungsposition gehen möchte und zielstrebig darauf hinausarbeitet, auch eine Führungsposition erlangt, wenn nicht in einem Unternehmen, dann in einem anderen.

Lena Schwäcke (energieheld): Was raten Sie Frauen, die auch gründen möchten?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Es zu tun. Ich spreche mit vielen Frauen, die gründen wollen. Ihnen fehlt oft nur dieser letzte Schritt, also der Mut dafür. Sie sind meistens bestens vorbereitet, aber zögern den Start immer weiter hinaus. Irgendwann bringt einen auch der zehnte Besuch einer Gründungsveranstaltung, das zwanzigste Gespräch mit einem Berater nicht mehr weiter. Es ist dann völlig in Ordnung zu sagen, dass es doch nichts für einen ist, als andere Gründe vorzuschieben. Was mir zu dem letzten Schritt verholfen hat, waren Gespräche mit Menschen, die schon seit einigen Jahren selbstständig sind, und gesagt haben, dass sie sich keine andere Beschäftigungsform mehr vorstellen können. Mittlerweile bin ich zu meiner großen Freude auch an diesem Punkt angelangt.

Was steckt hinter dem Begriff Digitalisierung?

Lena Schwäcke (energieheld): Frau Schwab, Ihre Firma „simficient“ bietet als Dienstleistung die Digitalisierung von Geschäftsprozessen an. Der Begriff „Digitalisierung“ ist für Viele ein rotes Tuch. Welche Vorurteile begegnen Ihnen am häufigsten?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Mir begegnen keine Vorurteile, sondern Menschen, die nicht wissen, was mit dem Begriff gemeint ist oder gemeint sein kann. Sie können ihn oft nicht auf sich selbst oder das eigene Geschäft beziehen. Er ist ja auch zu unkonkret, kann alles und nichts bedeuten. Der Hype um die Digitalisierung und die Angstmacherei, dass man zu den Verlierern gehören wird, wenn man nicht digitalisiert, verstärkt die Abneigung. Wenn ich jedoch mit den Menschen spreche und sage, dass es erstens nichts grundlegend Neues ist, und zweitens mit konkreten Beispielen arbeite, also aufzeige, wie sich das Geschäftsmodell meines Gesprächspartners erweitern oder ändern lässt, oder ein automatisierter Prozess die Qualität des Produkts oder der Dienstleistung drastisch erhöht, dann schwindet die Abneigung und es folgt meist ein spannendes konstruktives Gespräch über Möglichkeiten der Digitalisierung.

Lena Schwäcke (energieheld): Welche Geschäftsmodelle lassen sich überhaupt digitalisieren? Lohnt sich die Umstrukturierung überhaupt für kleinere Betrieben?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Ich würde keine Geschäftsmodelle von vornherein und grundsätzlich ausschließen, sondern immer den Einzelfall betrachten. Auch kleine Betriebe kann und will ich nicht pauschal ausschließen, sondern sage umgekehrt, dass jeder Betrieb das eigene Geschäftsmodell im Hinblick auf die Digitalisierung prüfen sollte.
Natürlich kommt es auf die Ziele des Unternehmers, des Betriebsinhabers an. Möchte ein kleiner Betrieb klein und überschaubar bleiben, aber ein stabile(re)s Einkommen generieren, können schon Maßnahmen zur Kundenbindung reichen, wie z.B. ein automatisierter Marketingprozess, der den eigenen Kunden regelmäßig exklusive Aktionen anbietet. Soll ein Betrieb wachsen oder muss grundsätzlich ein neues Geschäftsmodell her, weil das alte nicht mehr genügend Umsatz bringt, lohnt sich die Prüfung auf Digitalisierung in mehrfacher Hinsicht. Erstens kann das gesamte Geschäftsmodell und/oder einzelne Geschäftsprozesse betrachtet werden. Zweitens kann Neues entwickelt und/oder Vorhandenes geändert, optimiert werden.

Der Hype um die Digitalisierung und die Angstmacherei, dass man zu den Verlierern gehören wird, wenn man nicht digitalisiert, verstärkt die Abneigung.

Ich nenne ein paar Beispiele für kleine Betriebe, die es schon gibt: Tischler und andere produzierende Handwerker bieten einen Online-Konfigurator für ihre Produkte an; Ärzte lassen ihre Termine von Patienten online und per App buchen; Coaches, Berater kreieren aus ihrer Beratung ein Produkt und bieten es online an; Handwerksbetriebe digitalisieren den gesamten Auftragseingang, die Durchführungskontrolle und Abrechnung; Autoverkäufer führen eine Online-Zufriedenheitsumfrage nach dem Autoverkauf durch; Apotheken nehmen Bestellungen online/per App entgegen; Steuerkanzleien verwalten ihre Akten und Verträge digital; Bauunternehmen automatisieren die Mängelverwaltung. Nehme ich Internet of Things und Smart Home dazu, lassen sich zahlreiche weitere schöne Beispiele nennen: der Schornsteinfeger baut Sensoren in den Schornstein, die ihm melden, wann er wiederkommen muss; der Kühlschrank informiert den Handwerksbetrieb, dass er bald kaputtgeht; ein Arzt bietet eine Gesundheitsüberwachung über Smartwatch oder smarte Kleidung an… Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen und soll zeigen, dass es sich für alle Betriebe und Unternehmen lohnt, das eigene Geschäftsmodell durch eine kreative Brille zu betrachten.

Bei den ganzen Überlegungen ist es wichtig zu wissen, dass Digitalisierung nicht gleich zu hohen Ausgaben für einen Dienstleister oder für Anschaffungen führen muss. Gerade bei kleinen Betrieben lohnt sich immer noch die Abbildung von Vorgängen in Excel, vorausgesetzt, die Disziplin damit zu arbeiten, ist vorhanden. Die Tools, die man einsetzt, oder Software, die für die eigenen Prozesse programmiert wird, oder Hardware, die man anschafft, sind jedoch erst am Ende des Digitalisierungsprozesses zu sehen. Vorher kommt der professionelle, erfahrene und kreative Blick auf das Geschäftsmodell des Betriebes und die Menschen, die dort arbeiten. Eine tolle Software wird einen Betrieb nicht retten, und ein schlechter, automatisierter Prozess ist immer noch ein schlechter Prozess.

Digitalisierung und Industrie 4.0 erklärt

Ein Blick auf die Zukunft: Wie wird sich die Digitalisierung verändern?

Lena Schwäcke (energieheld): Die Digitalisierung verändert, wie wir in Zukunft arbeiten werden. Wohin wird sich unsere Geschäftswelt langfristig entwickeln?

Julia Schwab (Gründerin/simficient): Die Digitalisierung in der Zusammenarbeit mit Kunden und Kollegen ist in unserer Gesellschaft schon angekommen. Da kann ich mein Unternehmen als Beispiel nehmen. Unsere Mitarbeiter entscheiden selbst, ob und wann sie im Home Office oder im Büro arbeiten. Auch mit unseren Kunden skypen und „webexen“ wir sehr viel. „Zeig mal deinen Bildschirm“ ist vermutlich der häufigste Satz des Tages. Die persönlichen Treffen im Büro und beim Kunden werden eher zur Beziehungspflege oder für Intensivworkshops genutzt. Diese Arbeitsweise wird auch auf andere Berufsbilder übertragen werden oder ist es sogar schon. Ferndiagnosen von Ärzten via Videotelefonie, den Schaden am Holztisch dem Tischler zur Vorabbewertung per Video schicken, Fitnessberatung in WhatsApp, aber auch Fernsteuerung von Geräten z. B. für Operationen, das alles gibt es schon, auch wenn es noch nicht an der Tagesordnung ist. Im Bereich der Zusammenarbeit wird es in der nächsten Zeit meiner Meinung nach keine größeren Innovationen durch Digitalisierung geben, sondern stetige Verbesserungen durch bessere Hard- und Software. In Produktionsbetrieben wird die Automatisierung voranschreiten und für manuelle Arbeit nur wenig Platz lassen.

Auch in Dienstleistungsbetrieben wird auf Digitalisierung gesetzt. Da fallen mir als Beispiel Firmen ein, die juristische Sachverhalte mit Algorithmen prüfen (z. B. Schadenersatz bei Flugverspätungen), so dass nur Spezialfälle von Menschen bearbeitet werden. Das führt einerseits zum Wegfall von vielen Arbeitsplätzen, andererseits zum Entstehen von spezialisierten Berufen, die den Wegfall jedoch vermutlich nicht kompensieren werden. Daher wird in der Gesellschaft, die bei der Digitalisierung schon weit fortgeschritten ist, ein Umbruch stattfinden. Schafft die Gesellschaft, den Wegfall von Arbeitsplätzen durch Schaffung von neuen Berufen, Höherbewertung und -bezahlung von vorhandenen Berufen (z. B. soziale und kreative Berufe) aufzufangen, wird der Umbruch positiver Natur sein und eine entspanntere Gesellschaft und spannende, neue Geschäftswelt hervorbringen.

Lena Schwäcke (energieheld): Liebe Frau Schwab, wir danken Ihnen für das spannende Gespräch!

Liebe Leserinnen und Leser,

der Weg in die Selbstständigkeit ist für jeden schwer. Genaue Planung und Struktur gepaart mit Mut und Glück braucht jedes Unternehmen, das am Anfang steht. Die Unterstützung bei der Gründung ist deshalb besonders wichtig. Die richtigen Weichen legen und auf die Bedürfnisse der Gründerinnen reagieren erhöht die Chancen auf Erfolg. Die Möglichkeiten ergreifen und viel Zeit und Nerven aufbringen, müssen Existenzgründer am Ende immer noch selbst. 

Stephan Thies

"Für eine erfolgreiche Energie- und Wärmewende ist eine realistische und unabhängige Informationsbereitstellung wichtig. Bei Energieheld ist dies unser tägliches Bestreben."

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