Interview: Thomas Schremmer (2.Teil)

Interview: Thomas Schremmer (2.Teil)
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Thomas Schremmer im Gespräch mit energieheld Gründer Michael KesslerIn der Reihe “energieheld fragt – Experten antworten” interviewt energieheld regelmäßig Experten aus den verschiedensten Bereichen der Energiebranche. Diverse wichtige Punkte zur aktuellen energie- politischen Lage werden angesprochen, ein Ausblick auf Trends wird gegeben, Tipps wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann und jeweils zum Ende hin ein Fazit.

 

Thomas Schremmer Bündnis 90/Die Grünen (Teil 2 von 2)

Thema: Energiewende, Verbrauch und Selbstversorgung

Speichertechnologie, da kommen wir gerade nicht drum herum!

energieheld: Warum fördert die Politik nicht noch mehr Speichertechnologien bzw. Batteriespeicher, diese sind besonders sinnvoll bei nicht konstant einsetzbaren Energieformen wie Photovoltaik oder Windkraft? Oder ist das eher ein bundespolitisches Thema?

Schremmer: Vor dem Hintergrund ihrer letzten Frage, ich versuche immer auch mit den Menschen vor Ort zu sprechen und deren Probleme zu begreifen. Dabei ist mir aufgefallen, dass es wichtig ist, nicht eine Energie mit einer anderen zu ersetzen, um genauso viel wie vorher zu verbrauchen, sondern energieeffizienter zu leben. Also weniger verbrauchen! Die Energiekonzerne haben an dieser Thematik natürlich überhaupt kein Interesse. Relevant ist das Energieeffizienzthema auch für Selbstversorger, die ihren eigenen Strom herstellen und einspeisen wollen. Die Interessen zwischen Selbstversorger und Verbraucher gegenüber den Energiekonzernen sind divergent. Hier muss die Politik für einen Interessenausgleich sorgen. Wie weit müssen wir hier gehen, das ist die Frage.

Das Thema Speichertechnologie, da kommen wir gerade nicht drum herum. Wir brauchen Technologien, die Energie zur Verfügung stellen, genau zu der Zeit, wenn wir sie benötigen. Daraus folgt natürlich die Frage: Wann benötige ich Energie? Diese Frage zu beantworten wird in den nächsten Jahren wichtig sein, gerade im Hinblick auf die Smart-Living Entwicklungen.

energieheld: Wir bei energieheld spüren die Neuausrichtung der Verbraucher in Hinblick auf Energieeffizienz in Form der eingehenden Kundenanfragen. So auch beim Thema Stromspeicher. Viele Kunden wollen wissen, ob es nicht lukrativer wäre, nicht nur einzuspeisen, sondern den Strom auch zu speichern. Bspw. um diesen dann in den nächsten ein bis zwei Tagen gezielt beim Wäsche waschen zu verbrauchen. Hinzu kommt das Bedürfnis unabhängig von Energieanbietern zu sein.

Schremmer: Da sprechen Sie was an! Das spannende ist, dass es nicht nur eine finanzielle Frage ist, sondern auch eine Lebenseinstellung. Das Lebensgefühl des Einzelnen, sich nicht durch Konzerne reglementieren zu lassen. Denn Marktwirtschaft in allen Ehren, aber auf Monopolisten muss reagiert werden. Und das kann eben genau so geschehen.

energieheld: Es wird viel von der Energiewende und dem EEG geredet. Dabei liegt im Fokus der Eigenverbrauch. Energieverbrauch ist ein elementarer Punkt bei der Energiewende. Wo muss unbedingt noch angesetzt werden, wenn die Energiewende in den nächsten Jahren vorangehen soll, gerade im Hinblick auf Verbrauch, Sanierung und Klimaschutz? Welche Aspekte sind notwendig um die gesteckten Ziele zu erreichen?

Schremmer: Wie schon erwähnt, erst einmal gilt es aus Kohlekraft und Atomkraft möglichst schnell rauszukommen. Ein Beispiel wie das gelingt, ist das Engagement vieler Landwirte im Lokalen. Diese realisieren zusammen mit Kommunen und Landkreisen kleine Energieprojekte, wie z. B. Biogasanlagen. Niedersachsen ist bei der Windkraft im mittelständischen Bereich gut aufgestellt. Wir wollen Niedersachsen zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen.

energieheld: Gibt es dazu einen konkreten Fahrplan?

Schremmer: Ein konkreter Fahrplan ist schwierig, wir sind hierbei von der Bundespolitik und ihren Entscheidungen abhängig z. B. beim Thema Netzausbau und Offshore. Aber was wir realisieren können, werden wir auch realisieren. Wie kriegen wir das hin, dass die Energien, die wir in Niedersachsen benötigen, zu 100 Prozent aus erneuerbaren Trägern besteht? Das wird unsere Aufgabe in den nächsten Jahren werden. Beginnen werden wir, wie im Koalitionsvertrag festgehalten, durch die Verwirklichung eines klimaneutralen Gebäudebestands bis 2050. Das spricht im Wesentlichen den öffentlichen Bereich an. Denn hier finden sich die größten Effizienzreserven. Damit erhält die Energiewende auch die dringend benötigte soziale Komponente.

Für viele bedeutet die Energiewende nur Mehrkosten. In dieser Argumentation ist ein Sprengstoff enthalten, der jede Debatte über die Energiewende leicht zu ersticken droht. Die klimaneutralen Gebäude im öffentlichen Bereich helfen gerade sozial schwachen Haushalten.

Thomas Schremmer Grüne Niedersachsen

Thomas Schremmer/ Die Grünen Niedersachsen

Thema: Strompreis

Was über den Strompreis erzählt wird ist gelogen!

energieheld: Der Einzelne wir durch den hohen Strompreis relativ stark belastet. Der Strom wird bei den Versorgern immer teurer, aber an der Börse immer günstiger. Gibt es dafür eine Erklärung und einen Vorschlag, wie man das verhindern kann? Sie hatten die soziale Komponente ja bereits angesprochen, was noch? Welche Möglich- keiten gibt es als Landespolitiker einzugreifen?

Schremmer: Was über den Strompreis erzählt wird ist schlichtweg gelogen, d. h. was die großen Konzerne in die Öffentlichkeit kom-munizieren. Der gehandelte Strom wird nach den gängigen Börsen-Konditionen gehandelt. Der Preis hängt dabei natürlich von unterschiedlichen Faktoren ab. Nicht nur von der Knappheit, sondern auch von geostrategischen Ansätzen, von Lieferungszusammenhängen etc. Am Beispiel von Benzin und am Ölpreis kann man das ganz gut nachvollziehen. Hier kann sich drei, vier Monaten gar nichts tun. Das was beim Endverbraucher ankommt, hat eine Latenzzeit von etwa einem halben Jahr. Bei der Strom-Börse ist diese Vorlaufzeit noch höher, sie kann bei bis zu 6 Jahren liegen. Das heißt der Bedarf für Strom und der damit verbundene Preis ist für die nächsten Jahre bereits festgelegt. Der Strompreis setzt sich ja nicht nur aus dem aktuellen Börsenwert zusammen, das macht ein Viertel der Stromkosten aus. Hinzu kommen noch Steuern, Kosten für den Netzbetrieb und die EEG Umlage. Diese gilt nicht für energieintensive Unternehmen, die sind von der Umlage befreit.

Die alte Regierung, aber auch die neue mit Sigmar Gabriel hat sich vorgenommen den Wust von 1.000 Befreiten aufzuräumen. Das ist aber bisher nicht passiert. Im Gegenteil, immer mehr werden befreit und die Kosten gehen an den Endverbraucher.

energieheld: Die Bearbeitung von Herrn Gabriel geht Ihnen als aktuell nicht weit genug. Ist der Verbraucher eigentlich selber schuld? Ist die Quote der Energieverbraucher die einen Wechsel des Stromanbieters beabsichtigen nicht hoch genug um die Energiewende voranzubringen?

Schremmer: Richtig! Aber was sollen Sie auch tun? Was würden Sie tun? Sie haben eigentlich keine Entscheidungsgrundlage. Sie müssten sich als Bürger mit den Preisstrukturen der Anbieter auseinandersetzen. Dafür fehlt aber ein ausreichend transparenter Strommarkt. Der Strompreis ist marktabhängig, das ist klar. Das es aber auch marktrechtliche Regulierung gibt und was dahinter steckt, das ist schwierig zu identifizieren, das weiß kaum einer. Nur wenn ich das System Strompreis durschaue, ist es mir möglich die richtigen Entscheidungen zu treffen.

energieheld: Also noch mehr aufklären und informieren? Welcher Anbieter liefert tatsächlich Ökostrom? Wäre das der richtige Ansatz? Und sich konkret für Unternehmen entscheiden, die eher klein und mittelständisch sind und sich noch zusätzlich mit Energiegenossenschaften auseinandersetzen?

Schremmer: Ja Richtig! Das Genossenschaftswesen sollte sowieso insgesamt mehr gefördert werden. Hinzu kommt noch, dass die Anbieter den Verbraucher individuell betrachten sollten. Wie hoch ist der Verbrauch am Tag, wann wird besonders viel Strom benötigt, wann besonders wenig. Auf den Alltag des Einzelnen sollte viel mehr eingegangen werden. Das würde ich gut finden, die Verbraucher so gut zu informieren, wie energieheld das macht. Nicht nur verkaufen, verkaufen, sondern auch informieren. Das heißt den Energieversorger auch als Informationsdienstleister nutzen.

energieheld: Das heißt, Sie befürworten eine stärkere Kundenbindung zwischen Verbraucher und Anbieter?

Schremmer: Man macht sich gar keine Gedanken darüber, was für einen wunderbaren Effekt Kundenbindung haben kann. Endkunden sind doch nicht an große Unternehmen gebunden, die Unternehmen sind ja nicht identitätsstiftend! Für die örtlichen Versorger ist es gerade wichtig, ein zusätzliches Angebot zu schaffen. Durch Informationen eben.

energieheld: Gibt es konkrete Ansätze, um z. B. mit Landesmitteln für eine aus- reichende Energieberatung zu sorgen?

Schremmer: Gibt es! enercity und die Stadt Hannover zahlen in einen gemeinsamen Fond ein, in ProKlima! Ein Modell zur Förderung von Klimaschutzmaßnahmen. Dabei werden unterschiedliche Förderprogramme angesprochen, wie Altbausanierung, Unterstützung bei der Verwendung von Erneuerbaren Energien z. B. Photovoltaik. Dann auch noch die Förderung von Kraft-Wärme Kopplungen und natürlich eine Energieberatung um die Stromkosten zu reduzieren. Das Ganze läuft lokal, kooperativ und dezentral. Das finde ich, ist genau der richtige Ansatz!

Thema: Tipps zum energiesparen

energieheld: Eine letzte Frage! Nennen Sie uns doch fünf persönliche Energiespar-Tipps.

Schremmer: Klar, also zum einen schalte ich immer den Stand-By Schalter aus. Die Zeit, den Fernseher oder den Computer hochzufahren, wenn ich ihn brauche, nehme ich mir dann einfach. Dann überlege ich mir schon beim Einkauf, ob ich die Ware wirklich brauche und ob mein Apfel, nur weil dieser ein bisschen röter ist als der andere, dafür wirklich den weiten Weg aus Chile nach Deutschland nehmen muss. Natürlich fahre ich innerhalb Hannovers nicht mit dem Auto – da sind die öffentlichen Verkehrsmittel viel umweltfreundlicher und schneller. Außerdem habe ich gar kein Auto (lacht). Und ganz ehrlich, ich bin letztes Jahr das erste Mal geflogen. Also einfach ganz bewusst in den Urlaub fahren. Und sonst? Man sollte in Maßen seine Mitmenschen zum Energiesparen mit anhalten. Das geht im Büro ja sehr gut. Ist das Licht aus, wenn es in Mittagspause geht, oder eben ein Öko-Audit veranstalten. Das erzielt schon gute Effekte!

energieheld: Lieber Herr Schremmer vielen Dank für das Gespräch!

Schremmer: Gerne!

Liebe LeserInnen,

das Interview mit Thomas Schremmer ist zu Ende. Der erste Teil kann noch einmal hier nachgelesen werden. Diesmal ging es um die Themen Speichertechnologie, Strompreis, Energieeffizienz und um das Förderprogramm von ProKlima.  Wohnen mit Erneuerbaren Energien funktioniert durch bewussten Verbrauch. Das heißt, wir beziehen Strom in dem Umfang, in dem wir ihn benötigen. Speichertechnologien sind für die bewusste Verwendung essentiell. Gesteuert kann das Eigenheim von heute über Smart-Living Technologien, die dabei helfen, den Einsatz von Haushaltsgeräten zu optimieren. Wie sich der Strompreis, den wir nicht selbständig produziert haben, zusammensetzt, darüber vermittelt Thomas Schremmer einen Eindruck. Das Potential an Energieeinsparungen ist dabei vor allem bei öffentlichen Gebäuden hoch. Hier kann noch einiges getan werden. Wie der Einzelne sein Eigenheim energetisch sanieren kann? Lassen  Sie sich fördern, mit dem Förderprogramm von ProKlima Hannover.

Kennen Sie jemanden, der sich über die Maße für die Umwelt engagiert? Dann melden Sie sich bei uns unter kontakt@energieheld.de.  Wir sind immer auf der Suche nach spannenden Interviewpartnern.

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Sebastian Zahn

Literatur, Redaktion und Energiewende - das sind meine Themen. Bei energieheld bin ich daher genau richtig.