Mit Uns Digital - Interview Kompetenzzentrum Hannover

Digitalisierung in Niedersachsen – Mit uns digital!

Digitalisierung in Niedersachsen – Mit uns digital!
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Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hannover mit dem Slogan Mit uns digital! ist das Erste im Rahmen des Förderprojektes des Bundeswirtschaftsministerium „Mittelstand-Digital – Strategien zur digitalen Transformation der Unternehmensprozesse“. Die Initiative soll Unternehmen des Mittelstandes für eine digitale Zukunft fit machen.

Das Kompetenzzentrum unterstützt dabei, individuelle Lösungsstrategien zu erarbeiten und schult Unternehmen zu spezifischen Themen. Einblicke in die Möglichkeiten der Digitalisierung zu gewähren, gerade für kleine und mittelständische Unternehmen, ist aus unserer Sicht besonders wichtig um den neuen Herausforderungen der Arbeitswelt begegnen zu können.

Denn Digitalisierung bedeutet nicht nur, sich einen 3-D-Drucker anzuschaffen, es ändert vor allem einzelne Arbeitsprozesse im Unternehmen. Und: Digitalisierung kann für KMU vor allem auch effizientes Personal- und Projektmanagement bedeuten. Das gilt für den Mittelstand im Allgemeinen und im Besonderen für das Handwerk.

Das erwartet Sie im Interview:

Gründung von Mit uns digital!

In Niedersachsen und Bremen sind rund 99 Prozent aller Betriebe kleine und mittlere Unternehmen.

Sebastian Zahn (energieheld): Lieber Herr Kuiper, was macht Hannover zum digitalen Vorreiter.

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): Zur Hannover Messe 2011 wurde der Begriff „Industrie 4.0“ erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Im Anschluss daran hatte die Bundesregierung rund 400 Mio. Euro veranschlagt, um Deutschland bis 2020 weltweit zur führenden Nation für diese technologische Entwicklung zu machen. Das war 2011. Wir, das heißt zehn Institute aus dem Maschinenbau und der Elektrotechnik der Uni Hannover und das Laserzentrum in Hannover, sind in Sachen Digitalisierung und Vernetzung in einem großen Forschungsprojekt schon seit mehr als zwölf Jahren unterwegs.

Zwölf Jahre konnten rund 40 Wissenschaftler durch die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft dieses Feld beackern. Wir sind 2005, also zu einer Zeit gestartet, als es den Begriff „Industrie 4.0“ noch gar nicht gab.

Und: Es gab und gibt zahlreiche Forschungsergebnisse aus diesem Projekt, die wir dann in die Praxis transferiert haben und noch transferieren. Also: Wenn es um Digitalisierung und Vernetzung geht, sind wir ausgewiesene Experten.

 

 

 Sebastian Zahn (energieheld): Was war der Auslöser zur Gründung des Kompetenzzentrums Mittelstand 4.0?

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): 2015 gab es eine Ausschreibung des Bundeswirtschaftsministeriums für den bundesweiten Aufbau von Kompetenzzentren zur Digitalisierung kleiner und mittlerer Unternehmen.

Ein wichtiges Anliegen, wenn man sieht, dass beispielsweise in Niedersachsen und Bremen rund 99 Prozent aller Betriebe kleine und mittlere Unternehmen sind.

Ihr Umsatzanteil macht mehr als 40 Prozent der gesamten Wertschöpfung aus. Ursprünglich sollten in ganz Deutschland fünf Zentren für den Mittelstand entstehen, um flächendeckend die Digitalisierung des Mittelstandes voranzutreiben.

Die Ausschreibung passte wie die Faust aufs Auge für uns. Wir waren ja schon dabei, unsere Lösungen in die Praxis zu bringen. Und: Unsere Bewerbung hat so überzeugt, dass wir als erstes Zentrum im Januar 2016 an den Start gehen konnten.

Unternehmen für die Digitalisierung fit machen

Sebastian Zahn (energieheld): Sie bieten unterschiedliche Möglichkeiten an, Unternehmen für die Digitalisierung fit zu machen. Können Sie Ihre Angebote kurz beschreiben?

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): Wir bieten in unserem Einzugsbereich, in Niedersachsen und Bremen, Informationsveranstaltungen an, um einen ersten Einblick zu geben, was Digitalisierung im Unternehmen bedeutet oder zu ganz speziellen Themen – wie IT-Sicherheit, Digitalisierung von Produktions- und Logistikprozessen bis hin zu Recht und Ökonomie und Arbeit 4.0. 

  • Informationsveranstaltungen: In unserer Generalfabrik auf dem Messegelände in Hannover zeigen wir anhand der Fertigung eines Kugelschreibers, wie Digitalisierung Arbeitsprozesse optimieren kann. Für Unternehmen, die wegen der großen Entfernung nicht nach Hannover kommen können, demonstrieren wir diesen Fertigungsprozess auch in unserer mobilen Fabrik, unserem Roadshow-Bus und kommen damit auch in die Fläche.
  • Schulungen: Digitalisierung im Unternehmen funktioniert nur, wenn die Mitarbeiter mitgenommen und entsprechend qualifiziert werden. 22 unterschiedliche Schulungen bieten wir an – von der Generalschulung über den intelligenten Materialtransport bis zu Schulungen zu den Bereichen Arbeit und Organisation. Pro Jahr haben wir rund 100 Schulungen in unserem Programm.
  • Firmengespräche: Wir gehen auch direkt in die Unternehmen und führen Firmengespräche. Wir besprechen direkt vor Ort, welche Möglichkeiten der Digitalisierung für ein Unternehmen sinnvoll sein kann.
  • Umsetzungsprojekte: Wir unterstützen Firmen bei der Umsetzung ihrer Digitalisierungsbestrebungen. Wir übernehmen bei den Umsetzungsprojekten das Projektmanagement und kleinere Testaufbauten.

Sebastian Zahn: In welchen Fällen kommen Unternehmen, speziell Handwerksbetriebe, auf Sie zu um das Unterstützungsangebot zu nutzen?

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): Wir machen keine scharfe Trennung zwischen Handwerk und Industrie. Für uns spielt die Größe der Unternehmen eine wesentliche Rolle.

Das heißt, wir sind grundsätzlich für kleine und mittlere Unternehmen Ansprechpartner. Wenn es um die Digitalisierung von Verwaltungsabläufen oder um die Optimierung von Prozessen in anderen Bereichen der Firma geht, sind die Unterschiede nicht groß.

Um gezielt das Handwerk zu erreichen und zu unterstützen, arbeiten wir eng mit dem Kompetenzzentrum Digitales Handwerk zusammen, das vom Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik hier in Hannover geführt wird. So sind wir bei der Digitalisierungswerkstatt des Zentrums dabei. Über die Werkstatt haben zahlreiche Teilnehmer den Weg zu unseren Schulungen gefunden.

Mit uns digital! - Geschäftsstelle und Standorte

Mit uns digital! – Geschäftsstelle und Standorte

 

Sebastian Zahn (energieheld): Wie kann man Ihre Leistungen in Anspruch nehmen?

Gerold Kuiper (mit uns digital): Diese Antwort ist einfach. Wir sind offen für alle. Im Fokus stehen selbstverständlich Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen. Über unsere Homepage kann man sich für Schulungen und Firmengespräche anmelden oder Anfragen stellen zu Informationsveranstaltungen und für unsere Roadshow.

Vorreiter aus dem digitalen Mittelstand

Sebastian Zahn (energieheld): Ihre Unterstützungsangebote für Firmen sind kostenlos. Können Sie ein Beispiel-Unternehmen nennen, das sich besonders gut „digitalisiert“ hat?

Gerold Kuiper (mit uns digital): Wir haben inzwischen einige Umsetzungsprojekte mit Unternehmen durchgeführt, die alle sehr erfolgreich Digitalisierungsmaßnahmen eingeführt haben.

So führt derzeit ein Schaltschrankhersteller ein Assistenzsystem für die Montage ein.

Ein Unternehmen hat die unterschiedlichen Arbeitsschritte zur Inspektion von Windenergieanlagen digitalisiert und damit optimiert.

Ein Automobilzulieferer nutzt nun seine Maschinendaten für eine automatische Programmwahl und minimiert damit Fehler. Und: Eine Firma verwendet die Maschinendaten für eine verbesserte Prozessplanung und –steuerung.

Sebastian Zahn (energieheld): Sind es eher Gründer im Handwerk, die die Notwendigkeit der Digitalisierung für ihr Unternehmen erkannt haben?

Gerold Kuiper (mit uns digital): Es ist sicherlich so, dass die jüngere Generation eine größere Affinität zum Thema hat. Darüber hinaus haben sich durch die Digitalisierung neue Geschäftsfelder und –modelle ergeben, die letztendlich zu Firmengründungen geführt haben. Insofern ist bei den Gründern der Informationsbedarf deutlich geringer als bei anderen Unternehmen.

Wege zur erfolgreichen Digitalisierung

Einführung eines ERP-Systems ist für viele Betriebe eine wesentliche Grundlage für die Digitalisierung.

Sebastian Zahn (energieheld): Welche drei Themenbereiche erfahren durch die Digitalisierung ein steigendes Interesse?

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): Retrofit ist ein Thema, denn gerade für KMU ist oftmals die Anschaffung von neuen, teuren Maschinen keine reale Handlungsoption. Einem KMU geht es vielmehr darum, wie er möglichst kostengünstig alte Maschinen fit macht für die digitale Zukunft.

Die Einführung von Assistenzsystemen ist ein weiterer Themenbereich. Dies vor allem unter den Gesichtspunkten, wie Mitarbeiter in ihrer Arbeit unterstützt und Fehler minimiert werden können und wie mit der Einführung Zeit gespart werden kann.

Der dritte Bereich, den ich nennen möchte, ist die Einführung eines ERP- oder MES-Systems. Dies ist für viele Betriebe eine wesentliche Grundlage für die Digitalisierung.

Sebastian Zahn (energieheld): Wie werden Schulungen, Roadshows und Demonstrationen angenommen?

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): Wir können schon etwas stolz sein auf unsere Arbeit: Die Schulungen werden gut besucht und von den Teilnehmern überaus positiv bewertet.

Insbesondere der Praxisbezug in den Schulungen kommt sehr gut an. Die Nachfrage nach unseren Roadshows und Demonstrationen in der Generalfabrik hat uns überwältigt.

Wir können leider aus Kapazitätsgründen nicht mehr alle Anfragen, die unsere Roadshow betreffen, bedienen. Wir versuchen inzwischen diesbezügliche Anfragen zu bündeln. (Das heißt, eine Roadshow bedient dann mehrere Anfragen.)  

Herausforderungen der Digitalisierung meistern

Digitalisierung und Vernetzung bestehender Maschinen und Anlagen bleibt auch in Zukunft eine große Herausforderung.

Sebastian Zahn (energieheld): In den Gesprächen mit den unterschiedlichen Vertretern des Mittelstandes, welche Herausforderungen sehen Sie für eine gelungene Digitalisierung?

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): Es gibt natürlich immer technische Herausforderungen, die es zu lösen gilt – insbesondere wenn es um ganz spezielle firmenspezifische Lösungen geht, die so noch nicht auf dem Markt erhältlich sind. Die Schnittstellenproblematik ist immer ein Thema.

So haben KMU oftmals Maschinen von verschiedenen Herstellern und unterschiedlichen Alters. Die Digitalisierung und Vernetzung bestehender Maschinen und Anlagen bleibt deshalb auch in Zukunft eine große Herausforderung.

Eine weitere Herausforderung betrifft alle Firmen, die beabsichtigen, Veränderungsprozesse einzuleiten: Um Digitalisierungsstrategien im Betrieb erfolgreich umsetzen zu können, wird es ganz wesentlich sein, die eigenen Mitarbeiter mit ins Boot zu holen, sie am Prozess zu beteiligen und sie entsprechend zu qualifizieren.

Sebastian Zahn (energieheld): Was wünschen Sie sich für die Zukunft des digitalen Mittelstandes?

Gerold Kuiper (Mit uns digital!): Wie ich bereits eingangs gesagt habe, ist ein starker Mittelstand ein ganz wesentlicher Faktor für unsere wirtschaftliche Entwicklung. Ich wünsche mir, dass der Digitalisierungsprozess weiter auch in kleinen und mittleren Unternehmen Fahrt aufnimmt.

Für kleine und mittlere Unternehmen birgt dieser Wandel ein enormes Potenzial. Wenn wir es schaffen, dieses Potenzial zu heben, ist der Mittelstand auch in Zukunft national und international wettbewerbsfähig.

Sebastian Zahn: Lieber Herr Kuipers, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!


Titelbildquellen: 
© mit uns digital!
© blickpixel / pixabay.com CC0

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Sebastian Zahn

Literatur, Redaktion und Energiewende - das sind meine Themen. Bei energieheld bin ich daher genau richtig.