Kosten Der Energiewende.

Chefredakteur der Wirtschaftswoche über die Kosten der Energiewende…

Chefredakteur der Wirtschaftswoche über die Kosten der Energiewende…
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kosten der energiewendeRoland Tichy, Chefredaktuer des Magazins Wirtschaftswoche, kommentiert die von Sigmar Gabriel angekündigten Änderungen beim erneuerbare Energien Gesetz (EEG).
Unter dem Titel „Strom als Müll“ besteht seine These darin, dass allein eine Abschaffung des „Irrsinnes EEG“ der richtige Weg sei. 1.000,- Euro pro Jahr zahle ein 4 Personen Haushalt mehr für „grünen Teuer-Strom“. Generell rette „Nur die Rückbesinnung auf die Gesetze der Physik statt grüner Romantik die Energiewende“, so schrieb Tichy am Samstag (01.02.2014) weiter auf dem WiWo-Blog in der Rubrik „Chefsache“.
Nachzulesen unter dem Link: http://blog.wiwo.de/chefsache/2014/02/01/strom-als-mull/

Unser Kommentar zu Tichys Blogbeitrag

Meinungsmache ohne Know-How

… und das von der Chefredaktion. Denn anstatt auf physikalische Gesetze einzugehen oder wenigsten einzelne Aspekte sinnvoll abzuwägen und zwei Seiten der Medaille zu betrachten werden nur Phrasen gedrescht. Der Beitrag ist deswegen leider sehr weit weg von seriösem Journalismus und muss als reine Stimmungsmache gegen die Energiewende gesehen werden.

Wir nehmen hier vier schlichtweg falsche Behauptungen unter die Lupe

und zeigen die jeweils richtigen Tatsachen, aber auch die falschen Aussagen dahinter auf.

1. Ein 4-Personen Haushalt zahlt 1.000 Euro pro Jahr mehr für „grünen Teuer-Strom“

Richtig: Rechnet man die Summe der EEG Umlage 2013 zusammen (19,4 Mrd. Euro) und bezieht Sie auf die Gesamtbevölkerung (ca. 80 Millionen Deutsche), zahlt jede Person in Deutschland umgerechnet ca. 240 Euro / Jahr für das Projekt „Energiewende“.

Falsch: Die Darstellung Tichys. Tatsächlich muss kein 4 Personen-Haushalt mit Mehrkosten der Stromrechnung in der genannten Höhe rechnen. Gezahlt wurde 2013 eine Umlage auf den verbrauchten Strom in Höhe von 5,277 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Bei einem durchschnittlichen Verbrauch eines 4-Personen Haushalt von 5.000 kWh/Jahr ergeben sich etwa 250 Euro im Jahr.

Fazit: Tichy vertraut hier weder auf Physik noch auf Mathematik sondern ist eher ein Fan von Polemik. Die korrekte Fragestellung wäre: Kann sich Deutschland eine EEG Umlage in Höhe von 19,4 Mrd. Euro / Jahr leisten; UND: Welche Effekte haben diese Investitionen auf volkswirtschaftliche Größen wie beispielsweise die Beschäftigung?

Nur noch als kleiner Denkanstoß: Ein Landwirt in Bayern zahlt zwar aufgrund der EEG Umlage zwischen  50 und 120 Euro pro Jahr mehr auf seine Stromrechnung (die Zahlen schwanken, je nachdem welche Berechnung man zugrunde legt). Er erzielt mit seiner PV-Anlage allerdings eine Rendite von 5-10%. Das macht bei einer Anlagengröße von 10 kWp (die gut auf seinen Stall passt) also einen Betrag zwischen 1.000 und 2.000 Euro pro Jahr.

2. Tichy erwähnt die „externen Kosten“ der erneuerbaren Energien, welche die zukünftigen Generationen belasten werden

Richtig: Auch erneuerbare Energien verursachen externe Kosten. So etwa der eventuell als unschön empfundene optische Einfluss von Windanlagen auf die Landschaft oder einen Anstieg der CO2 Emissionen im Vergleich zur Stromproduktion mit Atomenergie.

Falsch: Externe Kosten für erneuerbare Energien zu erwähnen ohne wenigstens am Rande externe Kosten konventioneller Technologien auch nur zu erwähnen – da wäre der Praktikant bei der Wirtschaftswoche, der etwas über (ansatzweise seriösen) Journalismus lernen möchte, schnell rausgeflogen. Studien über externe Kosten verschiedener Technologien kommen immer zu dem Ergebnis, dass erneuerbaren Energien hier positiv abschneiden. Richtig unabhängige Studien sind schwer zu finden, da sich in  Studien der EEG-Lobby von denen der „konventionellen“-Lobby jeweils stark unterscheiden.

Fazit: Das mächtigste Argument der Grünen, Weltverbesserer und EEG-Befürworter – die externen Kosten – als Argument gegen das EEG zu verwenden ist abenteuerlich. Es gibt sie – keine Frage. Mono-Kulturen aus Mais oder Import von Bio-Sprit aus Brasilien sind nur sehr begrenzt sinnvoll. Aber die externen Kosten der konventionellen Energieerzeugung nicht zu nennen ist schon eine Ansage…

Hierzu noch eine kleine Rechnung: Die Kosten allein für die Entsorgung des Atommülls aus der Asse liegen bei ca. 6 Mrd. Euro. Mit Tichys Rechnung kommt man so auf 300 Euro (einmalig) für JEDEN 4-Personen Haushalt – nur um damals „sicher“ entsorgten Müll zu bergen. Die Folgelagerung ist bei dieser Rechnung noch nicht berücksichtigt. Und anders als beim EEG freuen sich hier nicht tausende Landwirte in Bayern oder Windkraftanlagenbesitzer in Schleswig Holstein, die gutes Geld verdienen.

3. Strom wird auf jeden Fall teurer

Richtig: Die EEG Umlage steigt, viele Stromanbieter erhöhen die Preise.

Falsch: Nicht alle Anbieter erhöhen die Preise. Der Ökostromanbieter Lichtblick zum Beispiel werden die Preise zum 01.03.2014 gesenkt, da die Strombeschaffung durch die Einspeisung der erneuerbarer Energien an den Börsen stark sinkt und diese Kostensenkung an die Kunden weitergegeben werden. Also: Stromanbieter wechseln!

Fazit: Die erneuerbaren Energien sorgen dafür dass der Terminpreis für Strom an den Börsen sinkt. Energieversorgungsunternehmen (EVUs) können so günstiger einkaufen und diese Reduktion der Kosten als Preissenkung an die Verbraucher weitergeben. Natürlich werden Großteile der eingekauften Strommengen nicht am Terminmarkt gehandelt – dennoch bilden diese kurzfristig gekauften Strommengen einen Teil der Kostenstruktur der EVUs ab. Dadurch ist günstigerer Strombezug durch die Einspeisung erneuerbarer Energien schon jetzt Realität.

4. Der durch Solarpanel und Windkraftanlagen erzeugte Mittagsstrom wird zum Zeitpunkt der Erzeugung von kaum jemand gebraucht.

Richtig: Die Lastspitze (Zeitpunkt des maximalen Verbrauchs von Strom in Deutschland) passt nicht immer zu dem Zeitpunkt der maximalen Stromproduktion aus Sonne (Photovoltaik) und Windenergie. Im Sommer liegt der maximale Verbrauch allerdings zwischen 11 und 13 Uhr, also in der Nähe der maximal erzeugten Leistung aus PV. Im Winter gibt es zwei „Peaks“ in den Verbrauchskurven: Einer liegt zwischen 11 und 13 Uhr und der andere zwischen 18 und 20 Uhr (Quelle: https://www.entsoe.eu/). Der Stromverbrauch ist außerdem an einem Werktag deutlich höher (ca. 50%) als an einem Tag am Wochenende. Die Tage mit minimalem Verbrauch (6. Januar, 14. Juli) sind jeweils Sonntage, die Tage mit maximalem Verbrauch (24. Januar, 14. Juli) jeweils Donnerstage.

Winterlast-stromverbrauch-im-winter-uhrzeit (Lastgang Strom)

Falsch: Die Aussage, dass „Mittagsstrom“ kaum gebraucht wird. Selbst an einem „ungünstigsten“ Tag im Sommer 2013 werden um die Mittagszeit zwischen 45 Gigawatt und 65 Gigawatt Leistung in Deutschland benötigt. Der PV-Strom wird um die Mittagszeit also sehr wohl gebraucht – auch im Sommer!

Sommerlast-stromverbrauch-im-sommer-uhrzeit (Lastgang Strom)

Fazit: Das Angebot von erneuerbar erzeugtem Strom passt zeitlich nicht genau zu der Nachfrage – also unserem Stromverbrauch. ABER: Die Lage ist wesentlich weniger dramatisch als dargestellt.

Im Sommer sind z.B. die Atomkraftwerke in Frankreich aufgrund von fehlender Kühlleistung und damit reduziertem Wirkungsgrad weniger effizient. Die Stromproduktion sinkt – Frankreich muss grünen Strom aus Deutschland importieren. Generell geht der Trend zu erhöhtem Stromverbrauch in den Mittagszeiten im Sommer, da z.B. Klimaanlagen immer verbreiteter sind.

Die Strombörse in Leipzig veröffentlicht übrigens Tagesaktuell den Verbrauch (und dementsprechend auch die Produktion) von Strom in Deutschland – aufgeteilt in die verschiedenen erzeugerquellen Solar (Energie aus Photovoltaik-Anlagen), Wind und konventionell (Stromproduktion aus Kohle, Gas und Atomenergie).

Wer darüber mehr erfahren will: http://www.transparency.eex.com/de
Alle Verbrauchsdaten findet man auf https://www.entsoe.eu/

Zusammenfassung: Deutschland kann sich die Energiewende leisten, auch wenn es in den Startjahren des EEG versäumt wurde, die Kostenauswirkungen richtig einzuschätzen und durch ein intelligentes gegensteuern 1.) die Kosten im Rahmen zu halten und 2.) eine Blase, wie in der PV-Industrie entstanden, zu verhindern. Die Energiewende gibt es eben nicht zum Nulltarif, die Kosten sind da – keine Frage. ABER: Ein Großteil der Wertschöpfung fließt wieder in deutsche Portemonnaies. Langfristig wird das Know-How bei der Umsetzung einer Energiewende ein Exportschlager werden und zwar weltweit. Denn die Erfahrung, die Deutschland in der Durchführung der Energiewende macht, ist ein wertvolles Gut – auf der ganzen Welt.
Das solle unreflektierten Aussagen von einem Chefredakteur eines Wirtschaftsmagazin, kommen macht uns regelrecht sprachlos. Doch versuchen wir mit diesem Artikel wieder einmal mehr der einseitigen Meinugsmache entgegen zu stellen.

Übrigens: Heizkosten aus Gas oder Öl belasten das Portemonnaie deutlich stärker als die Stromkosten. Und energetische Sanierung rechnet sich häufig bereits nach wenigen Jahren für den Hausbesitzer. Sogar ohne staatliche Subventionen. Energieeffiziente Sanierung schont also nicht nur Ihr Portemonnaie, sondern stärkt in besonderem Maße regionale Handwerksbetriebe, hebt den Wert Ihrer Immobilie und schont die Umwelt. Hier sollte angesetzt werden. Die Energiewende muss ganzheitlich betrachtet werden und nicht nur auf den Strommarkt begrenzt werden.

Es gibt viel wirtschaftlich UND ökologisch sinnvolles zu tun. Packen wir’s an!

 

Bildverzeichnis:
Kosten: ©Neirfy / shutterstock.com
Grafiken Sommerlast und Winterlast: © Energieheld GmbH

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Stephan Günther

"Für eine erfolgreiche Energie- und Wärmewende ist eine realistische und unabhängige Informationsbereitstellung wichtig. Bei Energieheld ist dies unser tägliches Bestreben."