2020 Julia Verlinden Portrait 4

Interview: Dr. Julia Verlinden, Bündnis 90/ Die Grünen

In der Blog-Reihe energieheld fragt – Experten antworten, interviewt energieheld regelmäßig Experten aus den verschiedensten Bereichen.

Diverse wichtige Punkte zur Technik, zum alltäglichen Umgang mit Energie oder zur aktuellen energiepolitischen Lage werden angesprochen. Anschließend wird ein Ausblick auf Trends sowie Tipps gegeben, wie im Alltag etwas für die Umwelt getan werden kann. In der Reihe kommen Blogger, Politiker, Unternehmen, Prominente und viele mehr zu Wort.

Zu Gast: Dr. Julia Verlinden

Die gebürtige Kölnerin Julia Verlinden ist bereits seit dem Jahre 1998 Mitglied bei Bündnis/ Die Grünen und engagiert sich seit beginn Ihres Studiums der Umweltwissenschaften in Lüneburg auch in der dortigen Kommunalpolitik. Ihre Promotion verfasste sie zu dem Thema  „Energieeffizienzpolitik als Beitrag zum Klimaschutz. Analyse der Umsetzung der EU-Gebäude-Richtlinie in Deutschland (Bereich Wohngebäude)“. Ihr akademischer Hintergrund sowie ihr politisches Engagement führten dazu, dass Sie 2013 erstmals in den Bundestag einzog um sich für eine umweltfreundlichere Poliktik einzusetzen. Auch bei den Wahlen im Jahre 2017 und 2021 zog sie jeweils für die Grünen in den Bundestag ein. Bei der Wahl 2017 erhielt Frau Verlinden mit 14,8% der Erststimmen in ihrem Wahlkreis das beste Erststimmenergebnis der Grünen in Niedersachsen. Zu Ihrem Engagement für die Grünen ist sie weiterhin seit November 2021 Ratsfrau im Stadtrat Lüneburg. Wir haben Anfang November 2021 mit Frau Verlinden gesprochen.

energieheld: Sehr geehrte Frau Dr. Verlinden, vielen Dank, dass Sie sich bereit erklären uns erneut ein paar Fragen zu beantworten. Wir haben das letzte Mal vor über fünf Jahren gesprochen. Seit dem hat sich in der Klimapolitik und auch in der öffentlichen Wahrnehmung zu dem Thema Umweltschutz viel getan.


Thema: Wahlergebnisse der Bundestagswahl 2021

„…Themen wie Gleichberechtigung, Vorgehen gegen Rassismus und Diskriminierung und die Absenkung des Wahlalters spielen bei Jüngeren eine große Rolle. Auch dafür werden wir uns stark machen…“ 

energieheld: Wir sprechen kurz nach der Bundestagswahl 2021. Was ist Ihre Meinung zu dem Wahlergebnis?

Dr. Julia Verlinden: Wir Grüne haben deutlich zugelegt, das ist gut und ein wichtiges Signal – auch wenn wir uns noch mehr erhofft hätten. Jetzt werden wir für effektiven Klimaschutz in einer neuen Bundesregierung kämpfen.

energieheld: So wie es aktuell aussieht wird es ja zu einer Regierungsbildung in Koalition zwischen den Grünen, der FDP und SPD (Ampel) oder CDU (Jamaika) kommen. Welcher Partner würde Ihnen persönlich eher zusagen, SPD oder CDU?

© RAINER KURZEDER

Dr. Julia Verlinden: Eine Koalition bedeutet immer, Kompromisse zu finden, die für alle tragbar sind und dennoch politische Gestaltung ermöglichen. Das ist auch in einer Ampelkoalition nicht gerade leicht. Unsere inhaltlichen Überschneidungen mit der SPD sind aber in vielen gesellschaftlichen Fragen deutlich größer als mit der Union. Die Union hat außerdem die Wahl klar verloren und muss sich nun erst neu sortieren.

energieheld: Die Grünen, aber auch die FDP haben in dieser Wahl deutlich mehr Stimmen geholt also noch 2017. Die Unterschiede in den jeweiligen Wahlprogrammen könnten kaum größer sein, doch eines haben sie beide gemeinsam: Die meisten Stimmen kamen von der jüngeren Generation. Was haben die Grünen vor um speziell die Interessen der Jugend zu vertreten?

Dr. Julia Verlinden: Wir sehen in der großen Zustimmung bei jüngeren Menschen einen klaren Auftrag, uns für den Schutz der Lebensgrundlagen für die heutige und die nächsten Generationen einzusetzen. Aber auch Themen wie Gleichberechtigung, Vorgehen gegen Rassismus und Diskriminierung und die Absenkung des Wahlalters spielen bei Jüngeren eine große Rolle. Auch dafür werden wir uns stark machen. 


Thema: Wahrnehmung von Umweltschutz & Klimapolitik in der Gesellschaft

„…Es braucht für gute Politik auch immer das Engagement aus der Zivilgesellschaft…“

energieheld: Seit unserem Letzten Gespräch im Januar 2015 hat sich viel in der öffentlichen Wahrnehmung von Umweltschutz & Klimapolitik getan. Die Jugendbewegung Fridays for Future hat viel Aufmerksamkeit in den Medien erhalten. Sowohl positiv als auch negativ. Was ist Ihre Meinung zu Fridays for Future und was löst die Initiative und das Engagement der jungen Generation in Ihnen aus?

Dr. Julia Verlinden: Die globale Protestbewegung von Fridays for Future hat die Dringlichkeit des Klimaschutzes ins Bewusstsein gebracht und einer entschlossenen Klimapolitik den Rücken gestärkt. Das ist ein riesiges Verdienst. Die Klimaproteste zeigen zudem zweierlei: Vielen Menschen, insbesondere den jüngeren, ist Politik keineswegs egal. Sie übernehmen Verantwortung für das Gemeinwohl und für die Auswirkungen des eigenen Handelns. Und: Es braucht für gute Politik auch immer das Engagement aus der Zivilgesellschaft. Beides macht mich trotz aller Widerstände optimistisch, dass wir die Wende noch rechtzeitig schaffen können. 

energieheld: Welchen Wandel haben Sie in der öffentlichen Meinung betreffend der Themen Klimawandel, Energiepolitik und Umweltschutz in den letzten fünf Jahren beobachtet?    

Dr. Julia Verlinden: Die Bedeutung von Klima- und Umweltschutz – auch für das eigene Leben – ist immer mehr Menschen klar geworden. Viele handeln zunehmend im Alltag danach und gewichten diese Fragen auch bei ihrer Wahlentscheidung höher als noch bei der letzten Bundestagswahl. Auch das stimmt mich positiv.


Thema: Ihre Meinung zur Klimapolitik und zu deren Entwicklung

„…Die nächste Bundesregierung muss nun einen riesigen Nachholbedarf leisten…“

© RAINER KURZEDER

energieheld: Auch in der Klimapolitik hat sich seit unserer letzten Unterhaltung schon einiges getan. Als wir das letzte Mal gesprochen haben, haben wir über den NAPE (Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz) gesprochen. Sie und Ihre Partei waren der Meinung, dass dieser Plan ein schlechtes Verhältnis von Absichtserklärungen und tatsächlichen, handfesten Entscheidungen aufweist. Haben Sie das Gefühl, dass die Regierung in der Zwischenzeit konkrete Schritte zu einer besseren Klimapolitik eingeleitet hat?

Dr. Julia Verlinden: In den letzten vier Jahren hat sich die große Lücke zwischen Ankündigungen und Maßnahmen in der Energie- und Klimapolitik wie ein roter Faden durch die Politik der Bundesregierung gezogen. Die Unterzeichnung des Pariser Klimaschutzabkommens hat eben nicht zu den notwendigen Konsequenzen geführt – sei es beim Ausbau der Erneuerbaren Energien, bei der Gebäudesanierung oder in der Verkehrspolitik. Und selbst das Klimaschutzgesetz, das einen wichtigen Schritt in der Klimapolitik der letzten Regierung markiert, hat nicht die notwendigen Maßnahmen in den einzelnen Bereichen nach sich gezogen. Die Versäumnisse in der Klimapolitik hat zuletzt sogar das Bundesverfassungsgericht der Regierung bescheinigt. Die nächste Bundesregierung muss nun einen riesigen Nachholbedarf leisten.

© ANDREAS LISCHKA – pixabay.com

energieheld: Im Bereich der Sanierung von Bestandsgebäuden gibt es massive Energieeinsparpotenziale. Nach wie vor ist die Sanierungsquote in Deutschland viel zu niedrig. Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, um die Potenziale im Bereich der Gebäudesanierung für das Erreichen der Klimaziele zu nutzen? 

Dr. Julia Verlinden: Wir brauchen einen Dreiklang, um hier endlich voranzukommen: Zeitgemäße Effizienzstandards für Neubauten und erhebliche finanzielle Unterstützung bei der Gebäudesanierung, insbesondere für die Besitzer von Ein- und Zweifamilienhäusern, und die gezielte Förderung für erneuerbare Wärme.

energieheld: Deutschlandweit wurden 2020 rund 770 Windräder genehmigt – ein Rückgang von rund 40 Prozent gegenüber 2015. Wie ist es dazu gekommen und wie kann man den Zubau wieder erhöhen?

Dr. Julia Verlinden: Der entscheidende Fehler war die Umstellung der Erneuerbaren-Finanzierung auf Ausschreibungen im Jahr 2016. Damit wurden nicht nur zu geringe Ausbaumengen festgeschrieben, sondern auch Genossenschaften und echte Bürgerenergieprojekte benachteiligt. Hinzu kamen immer mehr Planungs- und Genehmigungshindernisse, gegen die die Bundesregierung zu wenig unternommen hat. Hier muss die nächste Bundesregierung mit einem Maßnahmenbündel gegensteuern. Dazu gehören höhere Ausschreibungsmengen, Finanzierungsmöglichkeiten jenseits von Ausschreibungen, verbindliche Flächenziele, schnellere Genehmigungen durch mehr Personal und Digitalisierung, Abbau von Hindernissen, z.B. Blockaden durch Flugsicherung und Militär.

energieheld: Liebe Frau Dr. Verlinden, haben Sie vielen Dank!


Fazit

© SANDRA KÖNIG

Liebe Leserinnen und Leser,

fast sieben Jahre liegen zwischen diesem und dem letzten Gespräch, das wir mit Frau Dr. Verlinden geführt haben. Nach wie vor vertritt sie die Grünen und damit auch die Interessen einer immer weiter wachsenden Bevölkerungsgruppe im Bundestag. Unter anderem durch Bewegungen wie “Fridays for Future” sind die Themen Klimawandel und Umweltschutz immer weiter in das öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. 

Nach der Bundestagswahl 2021 können die Grünen mit gestärktem Rücken in die Koalitionsverhandlungen gehen und sich für eine nachhaltigere und ökologische Klimapolitik einsetzen. Wie Frau Dr. Verlinden schon sagte braucht gute Politik auch das Engagement aus der Zivilgesellschaft. Es liegt also auch in der Verantwortung von allen Bürger*innen Ihren Teil zu einer gelungenen Energie- und Mobilitätswende sowie einer nachhaltigen Klimapolitik beizutragen. 

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